"Branche fühlt sich völlig im Stich gelassen"

"Branche fühlt sich völlig im Stich gelassen"

Der Buchhändler Stephan Jaenicke zu den Gefahren und Chancen digitaler Buchinhalte und warum kleine Händler am Ende den Filialisten überlegen sein könnten.

SRSybille RoemerRedakteurin
4 Min.· Aktualisiert am
Teilen
Inwiefern?
Einerseits sind sich viele Kollegen gar nicht klar darüber, welche Umwälzungen sich dadurch für die Branche ergeben können. Andererseits befassen sich viele nicht mit dem Thema, weil sie fürchten, dass jede Aktivität in Bezug auf E-Books die kommenden Entwicklungen nur beschleunigen wird. Die Entwicklungen werden aber auf jeden Fall kommen. Es ist nur die Frage, ob man den Markt der E-Books komplett den großen Playern wie Amazon und Google überlässt oder auch selbst noch mitspielen möchte.

Wo konkret muss der Buchhandel denn noch seine Hausaufgaben machen?
Die Branche muss schnell klären, wie es mit der Preisbindung und der Preisgestaltung aussieht. Denn wenn E-Books zukünftig zu deutlich niedrigeren Preisen gehandelt werden als gedruckte Bücher, rechnet sich das weder für die Autoren noch die Verlage.

In den USA werden bei Amazon zur Zeit praktisch alle E-Books pauschal für 9,99 Dollar angeboten: Rechnet sich das noch für irgendwen?
Nein, denn unter solchen Umständen geht die Wertschöpfung, die in der Branche geleistet wird, den Bach 'runter. Wer soll noch in die Entwicklung von Inhalten investieren, wenn damit kein Geld mehr zu verdienen ist und die getätigten Investitionen sich nicht mehr über den Verkauf der Werke refinanzieren lassen?

In welchen Fällen sind E-Books einer Papierausgabe denn überlegen?
Die digitale Vermarktung von Inhalten hat im Fachbuchbereich vor allem aufgrund der guten Aktualisierungsmöglichkeiten Sinn, im Bereich der Belletristik vor allem aufgrund der hohen Kapazität der heute zur Verfügung stehenden Speichermedien. Die neuen Lesegeräte haben die Größe eines Taschenrechners, man kann aber problemlos eine kleinere private Bibliothek darauf laden.

Wenn Buchinhalte erst einmal digital vorliegen, besteht auch die Gefahr von Raubkopien und  illegalen Downloads. Wie groß schätzen Sie diese Risiken ein?
Ähnlich wie bei den Musikdownloads wird sich mancher Nutzer fragen, warum er für Buchinhalte Geld bezahlen soll, wenn er die auch kostenlos irgendwo illegal herunterladen kann. Leider findet zur Zeit eine strafrechtliche Verfolgung von  Urheberrechtsverletzungen durch illegale Bereitstellung von Inhalten im Internet und illegalen Downloads nur in minimalem Umfang statt. Und auch eine zivilrechtliche Verfolgung von solchen Urheberrechtsverletzungen ist praktisch unmöglich, weil die Internet-Provider die Daten der betreffenden User nicht an die Rechteinhaber herausgeben müssen. Hier fühlt sich die Branche zur Zeit vom Gesetzgeber völlig im Stich gelassen, weil nichts unternommen wird, um die gesetzlichen Rahmenbedingungen für eine Verfolgung von derartigen Urheberrechtsverstößen zu schaffen.

Wie werden Sie in Ihrer Buchhandlung das Thema Digitalisierung angehen?
Sicher hat man keine andere Wahl, als mit der Zeit zu gehen und seinen Kunden die Möglichkeit zu bieten, auch digitale Bücher zu kaufen. Aber wenn man konsequent weiterdenkt, wird man sich irgendwann fragen müssen, wozu man in Zukunft überhaupt noch einen stationären Buchhandel braucht, wenn man doch alles im Netz erledigen kann. 

Trifft das die kleinen Einzelkämpfer mal wieder härter als die großen Filialisten?  
Nein, dieses Schreckensszenario geht auch an den großen Filialisten nicht vorbei. Im Gegenteil: Wenn das gedruckte Buch in ferner Zukunft einmal eine Art Nischenprodukt sein sollte, haben kleine unabhängige  Buchhandlungen bessere Chancen, es als "Kultprodukt" zu vermarkten als die großen Ketten.

Interview: Sybille Wilhelm
Teilen
SR
Geschrieben vonSybille Roemer

Redakteurin

Sybille Roemer kennt als Redakteurin der afz – allgemeine fleischer zeitung die Herausforderungen der Digitalisierung in Metzgerei und Einzelhandel. Der Autorin der Fachbücher "Praxisführer E-Commerce" und "Erfolgsfaktor Online-Handel" und Dozentin an der Philipps-Universität Marburg ist wichtig, stets die Kundenperspektive im Blick zu haben: Digitalisierung sollte kein Selbstzweck sein, sondern Vorteile für alle Beteiligten bringen.

Alle Beiträge
Morning Briefing

Alles, was heute zählt — jeden Morgen in Ihrem Postfach.

Das Morning Briefing kuratiert die wichtigsten News aus E-Commerce und Handel. Kompakt, einordnend, werktäglich ab 7 Uhr.

  • 10.800+ Abonnenten
  • Werktäglich ab 7 Uhr
  • Jederzeit abbestellbar

Mit der Anmeldung stimmen Sie unserer Datenschutzerklärung zu. Abmeldung jederzeit möglich.