
Bye bye, Amazon: Kleine Buchverlage proben den Aufstand
Kleine Buchverlage machen ihrem Ärger über den Onlinehändler Amazon Luft: Aus Protest gegen das Geschäftsgebaren des Internetriesen kündigten sie ihre Verträge.
Björn BöerChefredakteurOffener Brief an Amazon-Chef Bezos
Thiele folgt dem Beispiel des Lindlarer Kunst- und Literaturverlegers Christopher Schroer. Auch er kündigte Amazon vor wenigen Tagen in einem offenen Brief an Amazon-Chef Jeff Bezos. "Wirtschaftlich trägt sich Ihr Geschäftsmodell für uns nicht", schreibt Schroer. Die aktuellen Berichte über den Umgang Amazons mit Leiharbeitern hätten bei ihm "das Fass zum Überlaufen" gebracht. "Wir sagen Adieu!", schreibt Schroer. Und sagt im Gespräch: "Ich fühle ich mich jetzt besser."
Beide Verleger wissen aber auch, wie wichtig Amazon gerade für die ganz kleinen Verlage ist, die pro Jahr vielleicht 20 bis 25 Bücher herausgeben. "Amazon macht sichtbar", schreibt Schroer. Und Witzleben sagt: "Es wird für uns nicht leicht werden. Wenn Sie nicht bei Amazon sind, sind sie auch für den Endkunden nicht präsent." Allerdings machen die beiden erst 2009 gegründeten Verlage nur 5 bis 15 Prozent ihres Jahresumsatzes über Amazon.
Überzogene Rabattforderungen
Bei den Geschäftsbedingungen von Amazon habe er "erst mal geschluckt", dann aber akzeptiert, sagt der 35-jährige Schroer, der von Beruf eigentlich Mediengestalter ist. Vor allem die Rabattforderungen von bis zu 55 Prozent hält er für überzogen. Zwar bekomme auch der Zwischenbuchhandel 50 Prozent Rabatt. "Der Unterschied aber ist, dass der Buchhandel die Bücher tatsächlich kauft." Amazon zahle erst dann, wenn die Bücher beim Endkunden gelandet seien. Zudem lasse Amazon sich einen "unglaublichen Skontorahmen" einräumen.
Buchhändler ließen noch mit sich reden, Amazon dagegen nicht. Nicht verkaufte Exemplare schicke Amazon an den Verleger zurück. "Es kann aber passieren, dass Sie am nächsten Tag drei neue Exemplare des gleichen Titels wieder an Amazon schicken", sagt Schroer. "Das hat teilweise einfach keinen Sinn und Verstand."
Der Internet-Versandriese äußerte sich auf dpa-Anfrage zunächst nicht. Anfragen müssten per E-Mail gestellt werden, sagte eine Sprecherin in München.
Ist der Aufstand der zwei Kleinverleger der Beginn einer Protestwelle gegen Amazon oder nur ein Sturm im Wasserglas? Der Sprecher des Arbeitskreises Kleinerer Verlage beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Bernd Weidmann, sagt: "Ich kann die kleinen Verlage gut verstehen." Niemand müsse aber mit Amazon zusammenarbeiten. Für die kleinen Verlage sei der Marktzutritt durch die Gründung von Amazon auch erleichtert worden.
Anonymer Riese
Für deutsche Verhältnisse sei es "gewöhnungsbedürftig, dass man es mit einem anonymen Riesen zu tun hat, der nur über das Netz kommuniziert", sagt Weidmann, der den Verlag Die Werkstatt führt. Für den Sportbuchverleger lohnt sich die Zusammenarbeit mit Amazon.
Aber Weidmann räumt ein, dass kleine Verlage mit Amazon kaum über bessere Konditionen verhandeln können. Das Rabattgefüge bei dem Internethändler sei zwar "hart an der Grenze", weiche aber nicht gravierend vom Höchstrabattniveau der großen Buchhändler und Grossisten ab.
Amazons Kündigungsbestätigung ist inzwischen bei Schroer eingetroffen. "Die hat tatsächlich mal ein Mensch geschrieben", sagt er.
Dorothea Hülsmeier, dpa

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
Alle Beiträge