Das Schweigen der Läden: Wie tragisch, dass der stationäre Handel durch diese Maßnahmen quasi zum Stillschweigen verdammt war und damit vielfach aus unserem Alltag verschwand. Für mehrere Wochen gab es schlicht und ergreifend keine Möglichkeit mehr, diese Händler zu erleben. Was bleibt, ist die Sorge, dass wir sie aufgrund von Insolvenzen oder Geschäftsaufgaben, aber auch durch ein verändertes Kauf- und Konsumverhalten teilweise nicht mehr erleben werden.
Ein Verwandlungsprozess im Einzelhandel, der nicht neu ist, und der schon vor dem Virus schleichend voranschritt! Aber wie lässt sich dieser weiter verhindern? Was muss sich ändern? Was lernen die Händler aus den letzten Wochen der Schließung und wie kommt man aus dieser Distanzierungsfalle heraus?
Die Herausforderungen, die hier zum Erfolg führen, sind die perfekte Logistik, direkte Auffindbarkeit und Verfügbarkeit sowie höchster Komfort für den anspruchsvollen Kunden. Aber auch die Alleinstellung in Positionierung und Angebot. Sinnliches Erleben oder Inspiration stehen hier dagegen auch weiterhin nicht im Mittelpunkt. Letzteres sollte den stationär geprägten Händlern weiterhin Hoffnung machen!
Mit jedem Vertriebskanal geht auch ein Kommunikationskanal einher. Als Händler muss ich ein eigenes Sendungsbewusstsein schaffen, das über Aktionen wie „2 für 1“ und auch über den physischen Laden hinausgehen. Das Internet hat eine Demokratisierung der Kommunikation und Botschaften ermöglicht, mit allen Vor- und Nachteilen. Mit den selbstverständlichen Bespielen wie Website oder Social Media gebe ich Einblicke, bleibe in Erinnerung, schaffe Anreize und Nähe – auch in Zeiten der Distanz! Es entstehen neue Geschäftsmodelle und Services.
Die zweite Erkenntnis geht tiefer. Sie erschüttert einen Grundgedanken, der Motor vieler Branchen, vor allem aber des Modehandels ist: das Mehr! Die Menschen befreien sich aus Überzeugung (oder Not) von dem Diktat der Mode, der kurzlebigen Trends und den wöchentlich getakteten Teilkollektionen! Wir werden erwachsener und sind vielfach bestinformierte Kunden.
Wir haben in diesen Wochen eine Entschleunigung erlebt, die viele Menschen auch als Befreiung vom Konsum empfunden haben!
Wir wollen keine Konsumenten, Verbraucher oder Endkunden sein!
Der ganze Handel muss seine Haltung und den Umgang mit uns Menschen überdenken!
Er muss an dem Wir, an Mehrwerten vor allem aber an der Relevanz seines Angebots, der Produkte, seiner Geschichte arbeiten!
Wir müssen anfangen, andere Ansprüche zu formulieren und anders zu kommunizieren. Wir sollten Lieblingsorte schaffen wollen, die mit mir sprechen. Die eine Botschaft haben und Begegnungen mit Gleichgesinnten ermöglichen!
Und die Preiskommunikation durch Kommunikation mit Mehrwert ersetzen!
Räume und Orte haben so viel mehr Potenzial als nur mit Ware und Preisschildern vollgestellt zu werden. Und ja, nach der Schockstarre werden auch diese Läden wieder eine natürliche Frequenz und Sichtbarkeit haben, die wir nutzen sollten!
Aber das Angebot, der Inhalt und die Kommunikation muss sich ändern!
Persönlich brauche ich einen anderen Tiefgang, Transparenz, Vertrauen in die Notwendigkeit und die Daseinsberechtigung des Angebots. Ich suche nach Beratung und nicht nach Verkaufsgesprächen. Nach Produkten aus der Region, nach Qualität, nach Geschichten, nach echter Innovation, den schönen Dingen oder nach etwas, das mir das Leben erleichtert. Auf keinen Fall aber nach etwas, das einfach nur den weltweiten Müllberg vergrößert und mein Konto auffrisst.
Natürlich suche ich auch nach Erlebnissen, nach Sinnlichem, nach Interaktion und nach dem Überraschenden. Ich suche Händler, die für mich da sind: Die mich als Mensch in den Mittelpunkt stellen! Keine Händler, die mich zu etwas verführen wollen. Ich möchte das Gefühl loswerden, dass der Händler nur irgendetwas an mich loswerden möchte, um wieder Platz für neue Ware zu schaffen.
Und neben all den Herausforderungen ist doch eine positive Erkenntnis, die wir in den ersten Wochen von Covid19 gelernt zu haben scheinen: Vermeintlich schnöde Produkte wie Toilettenpapier, Nudeln oder Hefe haben ihren Wert! Genauso wie die eigene Lieferkette, Direktvertrieb, persönliche Beziehungen zu Händlern und die häusliche Speisekammer Sicherheit geben können! Oder dass neben all den Pflegekräften und Medizinern auch Mitarbeiter in Supermärkten, Apotheken, Bäckereien usw. „systemrelevant“ und damit wahre Helden sind!
Wir alle brauchen eine andere Haltung. Raus aus der gegenseitigen Distanz und Gewinnoptimierung! Hin zu mehr Gemeinsinn und Nähe. Wir müssen das Miteinandersprechen und -zuhören wieder lernen und Orte sowie Persönlichkeiten schaffen, die man nicht so einfach aus unserem Leben wegschließen kann!
Ich persönlich möchte kein zweites Schweigen der Händler erleben.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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