Laut einer neuen Befragung sind mehr als die Hälfte der jungen Verbraucher KI-Influencern gegenüber offen. Für Händler, die über Avatare als Verkaufs- oder Beratungsfigur nachdenken, ist die eigentliche Frage: Offenheit gleich Vertrauen?
Was gemessen wurde und was daraus wurde
Die Affiliate-Plattform Awin, die nach eigenen Angaben zur Axel Springer Group gehört, hat Anfang September Ergebnisse ihres Reports „Influencing retail 2026“ verbreitet. In der deutschen Mitteilung heißt es, weltweit wären 54 Prozent der Verbraucher aus der Gen Z und der Millennial-Generation bereit, einem KI-Influencer zu vertrauen. Über alle Altersgruppen hinweg seien es 42 Prozent.
Der Report selbst wird dann doch etwas differenzierter: 16 Prozent der Befragten würden einem KI-Influencer demnach bereits so viel Vertrauen entgegenbringen wie einem menschlichen Creator, weitere 27 Prozent seien „offen, aber vorsichtiger“. Zusammengerechnet sind das jene gut vier von zehn, die in der Mitteilung als Vertrauensbereitschaft erscheinen. 27 Prozent gelten laut Report als skeptisch, und ein Viertel der Befragten gibt an, überhaupt nicht sicher zu sein, was einen Influencer vertrauenswürdig macht – menschlich oder nicht.
Für Deutschland fällt der Befund noch zurückhaltender aus. Die höchste Offenheit gegenüber KI-Influencern messen die Studienautoren in den USA mit 47 Prozent, es folgen Großbritannien und Frankreich mit je 41 Prozent; Deutschland bildet mit 38 Prozent das Schlusslicht der vier untersuchten Märkte.
Einordnung zur Methodik: Die Befragung wurde laut Awin im Mai 2026 vom britischen Marktforschungsunternehmen Obsurvant unter 4.518 Personen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA durchgeführt, davon 1.007 in Deutschland. Obsurvant ist als Company Partner der Market Research Society akkreditiert. Angaben zu Quotierung, Gewichtung und Fragebogen sind öffentlich nicht verfügbar – gerade bei einer Frage, deren Ergebnis von der Abstufung zwischen „vertraut" und „offen" abhängt, wäre der Wortlaut aufschlussreich.
Wo Avatare tatsächlich verkaufen
Dass KI-Avatare Ware bewegen, ist belegt – bislang aber in einem Marktumfeld, das es in Deutschland so nicht gibt. Der chinesische Livestreamer Luo Yonghao trat am 15. Juni 2025 gemeinsam mit seinem Co-Host in Gestalt digitaler Abbilder auf Baidus Shopping-Plattform Youxuan auf. Der über sechsstündige Stream setzte 55 Millionen Yuan um, rund 7,65 Millionen US-Dollar – mehr als Luos eigener, kürzerer Auftritt im Monat zuvor, wie CNBC unter Berufung auf Baidu berichtete.
Dieselbe Berichterstattung nennt die Einschränkungen mit: Produkte aus Livestreams weisen laut den zitierten Analysten hohe Retourenquoten auf, weil viel spontan gekauft wird. Und die größte Hürde sei inzwischen nicht die Technik, sondern Compliance – die Plattform Douyin hat den Einsatz digitaler Menschen eingeschränkt, insbesondere wenn diese nicht mit dem Publikum interagieren. Auch die Illusion ist begrenzt: Bei Avataren, die auf Taobao Drucker bewerben, fallen laut „Der Standard“ asynchrone Lippenbewegungen und steife Gesten auf.
Der Übertrag ist voraussetzungsreich. Social Commerce kommt laut Awin-Report weltweit auf acht Prozent aller Kaufabschlüsse. In Deutschland laufen demnach 43 Prozent der Käufe über Online-Marktplätze und sechs Prozent über soziale Netzwerke. Die Bühne, auf der chinesische Avatare verkaufen, ist hierzulande klein.
Der Handel nutzt Avatare längst
Synthetische Figuren sind im deutschen Handel bereits im Einsatz, allerdings in anderer Funktion. Zalando testet nach eigenen Angaben seit Mai 2025 digitale Zwillinge realer Models für die Content-Produktion. Bereits Ende 2024 seien rund 70 Prozent der Kampagneninhalte mithilfe von KI erstellt worden. Die Zwillinge beruhen auf Scans realer Models, das Unternehmen grenzt sie ausdrücklich von vollständig KI-generierten Figuren ab. Es sind Werkzeuge zur Darstellung von Ware, keine Empfehlungsfiguren mit eigener Biografie.
Diese Trennlinie ist entscheidend, denn die Awin-Daten beziehen sich auf die zweite Kategorie: eine synthetische Persönlichkeit, die empfiehlt und überzeugen soll. Der Report hält dazu fest, dass rein KI-generierte Inhalte schlechter abschnitten, während KI in Kombination mit menschlicher Arbeit funktioniere – eine Einschränkung, die vom Absender selbst kommt.
Kennzeichnung ist seit August keine Option mehr
Wer über Avatare nachdenkt, entscheidet nicht mehr allein über Tonalität. Die Transparenzpflichten aus Artikel 50 der KI-Verordnung sind seit dem 2. August 2026 anwendbar. Chatbots müssen als solche erkennbar sein, synthetisch erzeugte Bild-, Video-, Audio- und Textinhalte maschinenlesbar markiert und Deepfakes klar gekennzeichnet werden. Eine pauschale Kennzeichnungspflicht für jeden KI-gestützt erstellten Inhalt folgt daraus nicht, die Pflichten sind nach Situation und Risiko abgestuft. Daneben greift das Wettbewerbsrecht: Wird der virtuelle Status verschwiegen oder der Eindruck einer realen Person erzeugt, kommen nach juristischer Einschätzung die Irreführungstatbestände der §§ 5 und 5a UWG in Betracht.
Die Nachfrageseite deutet in dieselbe Richtung. Transparenz – offengelegte Kooperationen und ehrliches Feedback – ist laut Awin-Report weltweit mit 33 Prozent der meistgenannte Vertrauensfaktor bei Creatorn, vor fachlicher Expertise (19 Prozent) und persönlicher Relevanz (17,5 Prozent). Für Deutschland nennt Awin 26 Prozent. Der Ipsos AI Monitor 2026 vom 28. Juli 2026, erhoben in 32 Ländern unter 23.532 Personen, kommt zu ähnlichen Werten: 75 Prozent der Deutschen halten eine Offenlegung von KI-Nutzung für erforderlich, 52 Prozent würden Antworten weniger vertrauen, wenn Werbetreibende sie beeinflussen. Die Begeisterung für KI-gestützte Produkte sank in Deutschland demnach binnen eines Jahres von 45 auf 37 Prozent.
Was daraus für Händler folgt
Aus den Daten lässt sich weniger eine Entscheidung für oder gegen Avatare ableiten als eine Reihenfolge. Empfohlen wird zunehmend an Stellen, die Händler nicht kontrollieren – in KI-Assistenten, auf Vergleichsportalen, in Creator-Content. Gekauft wird dagegen konzentriert: in Deutschland laut Awin zu 43 Prozent auf Marktplätzen und zu 21 Prozent stationär. Wer eine Empfehlungsfigur baut, löst damit kein Vertriebsproblem, sondern verschiebt einen Kontaktpunkt.
Offen bleibt die zentrale Frage: Die Studie misst Einstellungen, nicht Verhalten. Ob aus Offenheit gegenüber KI-Empfehlungen Vertrauen wird, ist damit nicht beantwortet und die Offenheit selbst ist laut Report altersabhängig. Sie erreicht ihren Höhepunkt bei den 25- bis 34-Jährigen und fällt ab 45 mit jedem Jahrzehnt deutlich ab.

Redakteur
David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.
Alle Beiträge