Nach dem Klick auf „Bestellen“ entscheidet sich, ob Kunden wiederkommen. Alexander Rauchut, CEO des Elektronikhändlers MediaMarktSaturn Deutschland, argumentiert, warum Lieferung, Rückgabe und stationäre Fläche zur eigentlichen Differenzierung im Onlinehandel werden.
Onlinehändler optimieren seit Jahren Suche, Warenkorb und Bezahlprozess und investieren große Summen in den perfekten Checkout. Für Kundinnen und Kunden zählt aber nicht nur der Kaufabschluss. Entscheidend ist, was nach der Bestellung passiert. Hier entsteht heute die Basis für langfristige Zufriedenheit und Kundenbindung.
Wie groß der Hebel ist, zeigt der DHL E-Commerce Trends Report 2026, für den nach Angaben des Unternehmens 29.000 Verbraucher und 5.800 Händler in 29 Ländern befragt wurden: Sieben von zehn Verbrauchern kaufen demnach nicht bei einer Marke, wenn sie deren Liefer- und Retourenpartner nicht vertrauen. Drei von zehn erwarten inzwischen Zustell- und Rückgabepunkte außerhalb der eigenen Wohnung. In beiden Fällen entscheiden Kunden also anhand von Versprechen, die erst nach dem Klick auf „Bestellen“ eingelöst werden. Gleichzeitig wächst der Markt wieder. Laut HDE-Online-Monitor 2026 legte der deutsche Onlinehandel 2025 um 3,9 Prozent zu, der Onlineanteil am Einzelhandel stieg auf 13,5 Prozent. Sortimente sind vergleichbar, Preise transparent – und über Marktplätze liefen 2025 laut HDE 56,7 Prozent der deutschen Onlineumsätze. Differenzierung im Frontend wird immer schwieriger.
Wo Händler ihre Kunden wirklich verlieren
Viele E-Commerce-Strategien enden faktisch am Checkout: Performance Marketing, Personalisierung und Pricing bleiben wichtig. Entscheidend ist inzwischen aber auch, was danach passiert. Aus Kundensicht ist der Klick auf „Bestellen“ nicht das Ende der Journey, sondern ein Zwischenschritt. Erst dann stellen sich wichtige Fragen wie: Wann kommt die Ware? Funktioniert sie? Und wo bekomme ich Hilfe, wenn etwas nicht läuft wie geplant? Die zentrale Frage: Wie nahtlos greifen Online- und Serviceerlebnis ineinander?
Genau hier entscheidet sich, wie Kundinnen und Kunden einen Händler wahrnehmen. Dabei sind es oft nicht die großen Probleme, sondern viele kleine Reibungen: unklare Lieferfenster, wenig Transparenz bei Verzögerungen, aufwendige Rückgaben oder unterschiedliche Zuständigkeiten zwischen Shop, Logistik und Service. Jeder einzelne Punkt wirkt für sich betrachtet überschaubar. In Summe prägen sie jedoch, wie ein Händler wahrgenommen wird und ob Kunden wiederkommen.
Die Kaufentscheidung fällt nach meiner Erfahrung oft rational und schnell. Loyalität entsteht dagegen über längere Zeiträume, also auch in den Wochen nach dem Kauf.
Warum Omnichannel für Kundenzufriedenheit immer wichtiger wird
Es wäre zu einfach, guten Service allein als Thema von Händlern mit stationärem Netz zu betrachten. Auch reine Onlineanbieter haben alle Möglichkeiten, ihre Kunden nach dem Kauf gut zu begleiten. Der Unterschied liegt in der Umsetzung.
Lieferung, Rückgabe, Reklamation oder Reparatur müssen über Prozesse, Partner und klare Zuständigkeiten gesteuert werden. Das funktioniert, solange die einzelnen Schritte sauber ineinandergreifen. Je komplexer ein Service wird, desto wichtiger werden stabile Abläufe im Hintergrund. Denn hier sehen Kundinnen und Kunden, ob Versprechen aus dem Onlineshop auch im Alltag halten.
Genau hier wird auch deutlich, warum Omnichannel für viele Händler immer wichtiger wird. Kundinnen und Kunden erwarten heute nicht, dass Online- und stationärer Handel getrennt voneinander funktionieren. Sie erwarten, dass beides zusammenspielt.
Welche Rolle stationäre Strukturen heute spielen
Für Händler mit stationärem Netz stellt sich deshalb eine andere Frage: Welche Rolle spielt die Fläche heute im Gesamterlebnis für Kundinnen und Kunden? Lange wurde sie über eine einzige Kennzahl bewertet, den Umsatz pro Quadratmeter. Die Zahl bleibt relevant. Sie greift nur zu kurz.
Ein Standort kann heute deutlich mehr leisten als verkaufen: Beratungsort, Abholpunkt, Retourenstation, lokaler Warenbestand, Reparaturannahme, Showroom für die Industrie, Ausgangspunkt für schnelle Lieferungen am selben Tag. Der Markt wird damit zum operativen Bestandteil des digitalen Geschäfts. Die richtige Frage lautet deshalb nicht: Wie viel Umsatz macht diese Fläche? Sondern: Wie erleichtert sie den Kundinnen und Kunden Einkauf, Abholung, Rückgabe und Service – und was trägt sie zu Wiederkauf, Servicequalität und lokaler Verfügbarkeit bei?
Was Händler anders priorisieren sollten
Service ist kein Allheilmittel. In niedrigpreisigen, wenig erklärungsbedürftigen Kategorien kann zusätzlicher Service mehr Komplexität schaffen, als Kunden honorieren. Die Kunst liegt nicht darin, möglichst viel zu bieten, sondern dort zu investieren, wo Service messbar Wert schafft. Profitabel wird er aus meiner Sicht nicht durch Sparmaßnahmen, sondern durch Skalierung, klare Prozesse und Automatisierung.
Fünf Punkte halte ich dabei für entscheidend:
- Kundenzufriedenheit gehört stärker in die strategische Steuerung. Sie entsteht nicht im Marketing, sondern vor allem dort, wo ein Versprechen eingelöst werden muss.
- Auch reiner E-Commerce braucht guten Service. Kein stationäres Netz bedeutet nicht weniger Service – entscheidend ist, dass Kundinnen und Kunden auch nach dem Kauf verlässlich Unterstützung erhalten.
- Omnichannel muss im Alltag funktionieren. Online-Shop, Filiale, Logistik und Service dürfen aus Kundensicht keine getrennten Welten sein.
- Service muss zur Kategorie passen. Was bei beratungsintensiven Produkten wichtig ist, kann bei einfachen Produkten unnötig komplex werden.
- Schnittstellen verdienen ein besonderes Augenmerk. Viele Probleme entstehen dort, wo Verantwortung wechselt – zwischen Shop, Logistik, Service oder Markt.
Der Klick auf „Bestellen“ ist nicht das Ziel
Die nächste Stufe im E-Commerce liegt nicht in immer besseren Online-Auftritten, mehr KI im Checkout oder in noch schnelleren Bezahlprozessen. Sie liegt in dem, was danach passiert. Der Kaufabschluss ist nicht das Ende der Customer Journey, sondern der Moment, in dem Händler zeigen müssen, ob ihr Service-Versprechen wirklich gilt. Am Ende entscheidet nicht der einzelne Kontaktpunkt, sondern das Gesamterlebnis. Und genau dort entstehen langfristige Kundenzufriedenheit, Kundenbindung und die Grundlage für nachhaltigen Geschäftserfolg.

CEO bei MediaMarktSaturn Deutschland
Alexander Rauchut ist CEO von MediaMarktSaturn Deutschland. Er verantwortet das Deutschlandgeschäft mit etwa 400 Media Märkten und Saturn-Märkten sowie rund 20.000 Mitarbeitenden. Sein Fokus liegt auf der Weiterentwicklung eines nahtlosen Omnichannel-Erlebnisses, starken Services und hoher lokaler Verfügbarkeit. Entscheidender Maßstab ist für ihn die Zufriedenheit der Kundinnen und Kunden – in jedem Kontaktpunkt mit der Marke.
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