Web-Bestellungen in 90 Minuten ausgeliefert

Web-Bestellungen in 90 Minuten ausgeliefert

Schneller geht es kaum: In Großbritannien bieten die ersten Onlinehändler die Lieferung innerhalb von anderthalb Stunden ab Bestellung. Kommt der Trend nach Deutschland?

Björn BöerBjörn BöerChefredakteur
4 Min.· Aktualisiert am
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Tom Allason will das endlich ändern: Der Brite ist Gründer und Vorstandsvorsitzender von Shutl, einem ein Start-up-Unternehmen, das die Logistik hinter dem Onlinekauf revolutionieren will. Er verspricht, bestellte Artikel innerhalb von 90 Minuten auszuliefern.

Stationäres Geschäft als Lager

Shutl schließt Verträge mit lokalen Zustellern - kleinen Dienstleistern, die oft nur regional tätig sind. Geht eine Expressbestellung ein, wird ein Bote zum nächsten stationären Laden des betreffenden Onlineanbieters geschickt.

Die Auswahl des Lieferdienstes erfolgt automatisch, und zwar je nach Standortnähe zum Kunden und Typ der vorhandenen Fahrzeuge - ein Fahrradbote bringt die bestellte Bluse, ein Lieferwagen die Waschmaschine. Alles geschieht innerhalb von 90 Minuten.

Was sich wie ein Logistikmärchen anhört, ist in Großbritannien Wirklichkeit: Shutl hat bereits Pilotprojekte in London erfolgreich abgeschlossen und führt den Schnelldienst nun landesweit ein.

Namhafte Unternehmen wie der Elektrohändler Argos und der Modeanbieter Aurora Fashions mit den Labels Oasis, Coast und Warehouse setzen bereits die neue Bestellmodalität ein.

"Kauferlebnis der besonderen Art"

Beim Kongress "Customer World" in London Ende 2011 erzählte Hash Ladha, zuständig für das Multichannel-Geschäft bei Aurora Fashions, warum er die 90-Minuten-Lieferung forciert.

"Wir müssen den Kunden die größtmögliche Flexibilität bieten. Wenn sie nachmittags etwas einkaufen und das schon abends anziehen können, ist das ein Kauferlebnis der besonderen Art", sagte Ladha.

Aurora bietet die Expresslieferung bereits in sechs britischen Städten. "Wir wollen diesen Service am liebsten an allen Standorten anbieten", sagte Ladha gegenüber Der Handel in London. Dies sei jedoch momentan nur in größeren Städten möglich. Aurora hat insgesamt 766 Läden in Großbritannien und rund 1.300 weltweit.

Nach der Lieferung benotet der Kunde den Service. So kann Shutl ineffektive Lieferdienste ausmachen und aussortieren.

Zwölf Euro für eine Expresslieferung

Doch die "90-Minuten"-Dienstleistung hat ihren Preis: Wer bei Aurora die superschnelle Variante der Belieferung wählt, muss knapp zehn Pfund zusätzlich hinblättern, das sind rund zwölf Euro. Argos subventioniert den Preis und bietet den Service für rund sechs Euro.

"Die Händler müssen entscheiden, inwieweit die schnelle Zustellung für sie auch eine Marketingmaßnahme ist, die sie von der Konkurrenz abhebt - und ob sie aus diesem Grund bezuschusst werden sollte", sagt Shutl-Gründer Allason.

Ob das Modell auch in Deutschland funktioniert, darüber ist sich sogar Shutl-Manager Allason unsicher. Für einen deutschen Geldgeber hat er das Marktpotenzial ausgekundschaftet.

Das Problem hierzulande liegt nach Auffassung Allasons nicht in der Lieferung selbst, sondern in der Transparenz der Warenverfügbarkeit: Die meisten Händler können nicht zeitnah feststellen, welche Ware in welcher Filiale vorhanden ist - eine wichtige Bedingung für das Logistikkonzept.

"Wahrscheinlich brauchen die Händler in Deutschland noch drei Jahre, bis sie so weit sind", so sein nüchternes Fazit.

Skepsis in Deutschland

Onlinehandelsexperte Gerrit Heinemann, Professor an der Hochschule Niederrhein, ist skeptisch: "Deutsche Kunden wären kaum bereit, dafür einen Aufpreis zu zahlen", sagt er.

Zudem werde diese Lösung wahrscheinlich eine Nische bleiben, denn: "Meistens geht dem Modekauf im Internet eine intensive Recherche voraus. Die Expresslieferung wäre etwas für eine Minderheit, die für einen Notfall etwas sofort kaufen müssen. Und dafür gibt es auch den Laden um die Ecke."

Zudem funktioniere das Konzept mit der Abholung bei stationären Geschäften nur in Großstädten mit einer entsprechenden Ladendichte.

Tom Allason sieht langfristig trotzdem Potenzial auch in Deutschland: "Wir verkürzen die Wartezeit auf die begehrte Onlineware - das hat einen hohen Wert für den Käufer."

Derweil sieht Aurora-Multichannel-Chef Ladha bereits die nächste Stufe kommen: "Irgendwann werden wir auch innerhalb von 60 Minuten ab Bestellung liefern. Denn wir müssen das leisten, was die Kunden fordern."

Marcelo Crescenti

Auf etailment.de (Blog): Kampf der Verbände - wer vertritt die Onlinehändler?

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Björn Böer
Geschrieben vonBjörn Böer

Chefredakteur

Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.

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