
Wie Verdi mit dem Amazon-Streik um Mitglieder buhlt
Vor Ostern verstärkt die Gewerkschaft Verdi wieder ihre Streiks beim Versandhändler Amazon. Ein Branchenexperte glaubt, dass es Verdi vor allem um das Werben neuer Mitglieder geht.
Björn BöerChefredakteurNeue Mitstreiter, mehr Durchschlagskraft
Eva Völpel aus dem Verdi-Bundesvorstand in Berlin erwidert: "Bei jedem Streik gewinnen wir Mitglieder. Darum geht es ja auch - je mehr Leute, desto mehr Durchschlagskraft". Zahlen zur Mitgliederentwicklung in einzelnen Bereichen gebe die Gewerkschaft generell nicht heraus. Neue Mitstreiter kann die Gewerkschaft gut gebrauchen. Im vergangenen Jahr ist die Mitgliederzahl nach eigenen Angaben leicht zurückgegangen. Zum Jahresende verzeichnete Verdi insgesamt exakt 2.039.931 Mitglieder, das waren 24.610 oder 1,19 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Zudem ist Heinemann der Ansicht: "Die Streiks bei Amazon könnten für die Gewerkschaft auf Mitarbeiterseite nach hinten losgehen. Verdi forciert lediglich, dass Amazon die Automatisierung und Arbeit mit Robotern in den Versandlagern vorantreibt. Auch eine Verlagerung der deutschen Standorte in Richtung Osten wird langfristig provoziert."
Amazon gibt sich weiterhin gelassen
Welche Auswirkungen die aktuelle Streikwelle hat - darüber ist erneut ein Streit entbrannt. Der Branchen-Riese aus den USA versichert immer
wieder: Die Streiks laufen ins Leere. Mit Hilfe des europaweiten Logistiknetzwerks an 28 Standorten könne man die Angriffsversuche von Verdi entkräften. Die Gewerkschaft ist sich dagegen sicher: Wir tun Amazon weh. Es komme zu Lieferverzögerungen, die an der Zuverlässigkeit von Amazon rütteln sollen.
Kunden des Onlineportals versuchte Amazon in den vergangenen Tagen zu beruhigen. Wer bis Dienstagabend bestellt, bekommt die Lieferung pünktlich bis Samstag - so die Botschaft. So soll niemand um die rechtzeitige Zustellung womöglich georderter Osterpräsente fürchten müssen. Amazon-Sprecherin Anette Nachbar sagte klar: "Das Ostergeschäft ist wichtig für uns."
Und gestritten wird auch über die Frage: Wie entwickelt sich die Streikbereitschaft? Amazon ist der Meinung: Die Bereitschaft bröckelt. Ohnehin streike auch nur eine Minderheit. Die Gewerkschaft gibt sich indes stets kämpferisch und sieht einen ungebrochenen Willen bei den Mitstreitern. "Das wird ein langer Kampf. Wir brauchen einen langen Atem", erklärt Verdi-Frau Völpel.
Lösung nicht in Sicht
Der Tarifkonflikt ist seit langem festgefahren. Eine Lösung scheint nicht in Sicht, ohne dass eine Partei ihr Gesicht verliert und ein Scheitern eingestehen muss. Verdi fordert Amazon zu Tarifgesprächen zu den Bedingungen des Einzelhandels auf. Amazon sieht sich als Logistikunternehmen und sieht keinen Anlass für Zugeständnisse.
Deswegen kommt es seit Mai 2013 immer wieder zu Streiks; am Dienstag am größten Standort in Bad Hersfeld (Hessen), in Koblenz (Rheinland-Pfalz), Leipzig (Sachsen), in Rheinberg und Werne (Nordrhein-Westfalen) und in Elmshorn (Schleswig-Holstein, Amazon Prime Instant Video).

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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