Social Commerce rückt in Großbritannien in den Mainstream
Eine aktuelle Untersuchung der Retail- und Shopper-Marketing-Agentur Savvy zeigt, wie stark TikTok Shop das Einkaufsverhalten jüngerer Konsumenten in Großbritannien verändert. Laut Channelx.world haben 47 Prozent der Gen-Z/Y-Shopper in den vergangenen drei Monaten auf TikTok Shop gestöbert oder dort gekauft. Über alle britischen Shopper hinweg liegt der Anteil bei 21 Prozent. Die Zahlen basieren auf einer Befragung von 1.005 UK-Shoppern und deuten darauf hin, dass Live- und Social-Shopping nicht länger als Randphänomen betrachtet werden können.
Klassische Websites von Marken und Händlern bleiben zwar weiterhin der meistgenutzte digitale Einkaufskanal: 54 Prozent der Gen-Z/Y-Shopper und 52 Prozent aller Befragten haben sie in den vergangenen drei Monaten genutzt. Doch der Abstand schrumpft, vor allem bei jüngeren Zielgruppen. Social Commerce verbindet Produktsuche, Unterhaltung, Empfehlungen, soziale Bestätigung und direkten Kauf in einem Ablauf. Dadurch wirkt herkömmlicher E-Commerce im Vergleich zunehmend funktional, während soziale Plattformen stärker auf Erlebnis, Tempo und Vertrauen setzen.
Besonders relevant ist die Rolle sozialer Plattformen vor dem Kauf. Unter den Gen-Y/Z-Shoppern haben 64 Prozent im vergangenen Monat Produktbewertungen oder Empfehlungen in sozialen Medien angesehen. 49 Prozent klickten auf Links zu Produkten aus Posts oder Videos, 36 Prozent speicherten oder markierten Produkte für später. Damit beeinflussen soziale Inhalte nicht nur spontane Käufe, sondern zunehmend die gesamte Kaufentscheidung – von der ersten Entdeckung bis zur finalen Auswahl. Produktvertrauen entsteht hier sichtbar: durch Demonstrationen, Creator-Erklärungen, Kundenstimmen, Wiederholung und virale Dynamik.
Die Entwicklung ist nicht auf Mode und Beauty beschränkt. Laut Savvy weitet sich die Relevanz auf Alltagskategorien aus, darunter Haushalts- und Küchenartikel, Reinigungs- und Waschprodukte, Gadgets, Elektronik sowie Lebensmittel und Snacks. Damit verschiebt sich Social Shopping von einer trendgetriebenen Zusatzfläche zu einem breiteren Handelskanal. Für Händler entsteht die Aufgabe, nicht nur auf TikTok Shop präsent zu sein, sondern alle Kontaktpunkte – Websites, Apps und stationäre Geschäfte – ansprechender, reaktionsschneller und vertrauensbildender zu gestalten.
Live-Shopping beschleunigt diese Veränderung zusätzlich. Im Savvy Shopper Panel vom Mai 2026 gaben 57 Prozent der Gen-Y/Z-Shopper an, Live-Shopping-Events wie TikTok Live gern zu verfolgen. 66 Prozent sagten, sie kauften eher, wenn Produkte viral gingen oder ausverkauft wirkten. Gefühlte Knappheit und soziale Bestätigung werden damit zu zentralen Kaufimpulsen. Der entscheidende Unterschied zu statischen Produktlisten liegt in der Inszenierung: Käufer sehen Produkte im Einsatz, erleben Nachfrage in Echtzeit und erhalten wiederholt Signale, dass ein Artikel relevant sein könnte.
Für den Handel bedeutet das einen klaren strategischen Auftrag. Erfolgreich werden jene Anbieter sein, die virale Momente in konkrete Einkaufserlebnisse übersetzen und den Übergang vom Entdecken zum Kaufen möglichst nahtlos gestalten. Erste Beispiele wie Boots, wo TikTok-Trendprodukte im stationären Handel hervorgehoben werden, zeigen, wie digitale Aufmerksamkeit in reale Verkaufsflächen verlängert werden kann. Aus einem Wettbewerbsvorteil dürfte damit rasch eine Kundenerwartung werden: vernetzter Handel über alle Kanäle, der Inspiration, Orientierung und Kaufabschluss zusammenführt.

Redakteur
David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.
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