Prime Day verschiebt das Kräfteverhältnis im US-Onlinehandel
Der vorgezogene Amazon Prime Day hat dem amerikanischen E-Commerce im Juni 2026 einen deutlichen Schub gegeben. Nach einer Analyse von Digital Commerce 360 auf Basis von Daten des U.S. Department of Commerce erreichten die Onlineumsätze im Monat Juni rund 142,67 Milliarden Dollar. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Wachstum von 14,2 Prozent und damit der ersten zweistelligen Juni-Steigerung nach vier Jahren mit schwächerer Dynamik. Die Entwicklung zeigt, wie stark ein einzelnes Shopping-Event inzwischen auf den Gesamtmarkt ausstrahlt.
Besonders prägend waren die vier Aktionstage vom 23. bis 26. Juni, an denen Verbraucher in den USA online 26,4 Milliarden Dollar ausgaben. Damit entfielen 18,5 Prozent des Monatsumsatzes auf nur vier Tage. Digital Commerce 360 beschreibt diesen Effekt als Halo-Effekt des Prime Day, von dem nicht nur Amazon selbst profitiert. Auch große Händler wie Walmart und Target legten eigene Verkaufsaktionen zeitlich auf das Event und verstärkten damit die Dynamik im Markt. Weitere Details nennt Digitalcommerce360.com.
Der Vergleich mit früheren Jahren unterstreicht die Größenordnung: 2020 lagen die Onlineausgaben im entsprechenden Prime-Day-Zeitraum bei 10,4 Milliarden Dollar, 2021 bei 11 Milliarden Dollar. 2026 hat sich die Wirkung des Events damit mehr als verdoppelt. Zugleich war es erst das zweite Mal, dass der Prime Day im Juni stattfand; zuvor war dies 2021 der Fall. Damals erreichten die Juni-Onlineumsätze 91,46 Milliarden Dollar, wobei die Prime-Day-Ausgaben rund zwölf Prozent des Monatsumsatzes ausmachten.
Auch im langfristigen Vergleich fällt das Wachstum deutlich aus. Die Juni-Umsätze im US-Onlinehandel lagen 2026 mehr als doppelt so hoch wie im Juni 2019, als sie 60,78 Milliarden Dollar erreichten. Gegenüber Juni 2020 lagen sie um rund 60 Milliarden Dollar höher. Parallel stieg der gesamte US-Einzelhandel von 720,16 Milliarden Dollar im Juni 2025 auf 768,55 Milliarden Dollar im Juni 2026. Damit wuchs nicht nur der digitale Kanal, sondern auch der Gesamtmarkt legte im Jahresvergleich zu.
Auffällig ist zudem die gestiegene Online-Durchdringung des Einzelhandels. Der Anteil der Onlineumsätze an den relevanten Einzelhandelsausgaben erreichte im Juni 2026 18,56 Prozent und damit den höchsten Monatswert seit April 2020. Zugleich setzte sich ein Trend fort: Jeder Monat des Jahres 2026 lag bisher bei mindestens 18 Prozent Onlineanteil. Vor 2026 hatte lediglich April 2020 diese Marke erreicht. Der Juni markierte außerdem den siebten Monat in Folge mit wachsenden Onlineumsätzen in den USA.
Für die Berechnung berücksichtigt Digital Commerce 360 nicht saisonbereinigte Daten des Handelsministeriums und schließt Segmente aus, die typischerweise nicht online verkaufen, darunter Restaurants, Bars, Autohändler, Tankstellen und Brennstoffhändler. Die Definition von Onlinehandel umfasst Bestellungen oder Preis- und Vertragsverhandlungen über Internet, Extranet, EDI-Netzwerke, E-Mail oder andere Online-Systeme; die Bezahlung muss dabei nicht zwingend online erfolgen.
Die Zahlen machen deutlich: Der Prime Day ist längst mehr als ein einzelnes Rabattformat. Er wirkt als marktweiter Taktgeber, bündelt Nachfrage und verstärkt die Sichtbarkeit konkurrierender Aktionen. Für Händler wird damit entscheidend, solche Ereignisse nicht isoliert zu betrachten, sondern als Teil eines breiteren Wettbewerbs um Aufmerksamkeit, Timing und Kaufbereitschaft.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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