Musikbranche kritisiert Ticketzweitmarkt
Rund 200 Musikerinnen und Musiker, Veranstalter sowie Crewmitglieder haben sich in einem offenen Brief an die Bundesregierung gegen den Ticketzweitmarkt positioniert. Der Vorwurf richtet sich gegen professionelle Händler, die mit Bots ganze Kartenkontingente innerhalb kürzester Zeit aufkaufen. Über den Vorgang berichtet Spiegel.de.
Im Zentrum der Kritik steht ein Mechanismus, der für Fans besonders sichtbar wird: Konzertkarten sind kurz nach Verkaufsstart nicht mehr regulär verfügbar, erscheinen später aber auf Plattformen wie Viagogo, Stubhub, Ticombo, Ticketbande oder Vivid Seats erneut. Dort werden sie nach Darstellung der Unterzeichnenden häufig für ein Vielfaches des ursprünglichen Preises angeboten. Aus einem begrenzten Zugang zu Livekultur wird damit ein Markt, auf dem technische Geschwindigkeit und kommerzielle Wiederverwertung den Ausschlag geben.
Besonders problematisch ist nach der Schilderung der Beteiligten der Einsatz automatisierter Kaufprogramme. Bots professioneller Händler sollen Tickets Sekunden nach Erscheinen erwerben und damit reguläre Käuferinnen und Käufer verdrängen. Für Fans entsteht so der Eindruck, ein Konzert sei unmittelbar ausverkauft, obwohl Karten kurz darauf andernorts wieder verfügbar sind – allerdings zu deutlich höheren Preisen.
Hinzu kommt der Vorwurf, dass auf den Wiederverkaufsplattformen psychologischer Druck aufgebaut wird. Countdowns und Warteschlangen sollen die Entscheidung beschleunigen und den Eindruck künstlicher Knappheit verstärken. Wer befürchtet, eine Karte zu verpassen, akzeptiert eher hohe Aufschläge. Die Kritik der Branche richtet sich daher nicht nur gegen die Preise selbst, sondern auch gegen die Verkaufsumgebung, in der Fans zu schnellen Käufen gedrängt werden.
Der offene Brief macht deutlich, dass der Ticketzweitmarkt aus Sicht vieler Beteiligter nicht als Randproblem einzelner Großkonzerte verstanden wird. Betroffen sind Künstlerinnen und Künstler, Veranstalter, Crews und vor allem das Publikum. Wenn reguläre Kontingente automatisiert abgeschöpft und anschließend teurer weiterverkauft werden, verschiebt sich der Zugang zu Konzerten zugunsten jener, die über technische Mittel und Handelsstrukturen verfügen. Für die Livebranche steht damit die Frage im Raum, wie faire Bedingungen beim Ticketverkauf gesichert werden können.
Die Initiative bündelt die Kritik an einem System, das hohe Nachfrage, begrenzte Verfügbarkeit und automatisierten Handel miteinander verbindet. Konzertkarten werden dadurch nicht nur teurer, sondern auch schwerer kalkulierbar. Der Appell an die Bundesregierung unterstreicht, dass die Unterzeichnenden den Ticketzweitmarkt als strukturelles Problem sehen – mit unmittelbaren Folgen für Fans und für die Wahrnehmung von Konzerten als zugängliches kulturelles Angebot.

Redakteur
Thomas Rehm ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Der erfahrene Fachjournalist schrieb zuvor viele Jahre für Titel der dfv Mediengruppe, darunter das Konsumgüter- und Verpackungsportal packaging-360.com, und begleitet heute die Themen Handel, Konsumgüter und Digitalisierung.
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