Weihnachten im Hochsommer: Warum Baumärkte online schon Advent zeigen
Bei sommerlichen Temperaturen von bis zu 38 Grad füllen bei OBI und Hornbach bereits zahlreiche Weihnachtsartikel die digitalen Regale. Online finden sich tausende Treffer rund um Adventsdekoration, Lichterketten, Kunsttannen, Weihnachtsbäume und Figuren. Der Eindruck wirkt im Juli ungewöhnlich: Während in den Märkten und Gärten noch Pools, Ventilatoren, Sonnenschirme und Grills zur Saison passen, ist Weihnachten im Netz längst nur einen Klick entfernt.
Der Befund sagt weniger über eine plötzlich vorgezogene Adventsstimmung aus als über die Funktionsweise des Onlinehandels. In stationären Filialen bleibt Saisonplanung an verfügbare Flächen gebunden: Wer Gartenmöbel, Sommerware oder später Heizgeräte präsentieren will, muss Regale umbauen und Ware austauschen. Im Web gilt diese Grenze kaum. Eine Produktseite benötigt keinen zusätzlichen Verkaufsraum und kann zwölf Monate sichtbar bleiben, sofern der Artikel im Lager liegt oder über Partnerstrukturen lieferbar ist.
Deshalb lässt sich aus den Online-Sortimenten nicht ableiten, dass in den Filialen bereits komplette Adventsabteilungen aufgebaut werden. Der frühe Weihnachts-Eindruck entsteht vor allem auf dem Bildschirm. Gerade über Marktplatzstrukturen können Sortimente verfügbar bleiben, ohne dass dafür Verkaufsflächen vor Ort freigeräumt werden müssen. Die digitale Präsentation löst klassische Saisongrenzen auf: Badehose und Weihnachtskugel können parallel angeboten werden, weil die Online-Verkaufsfläche praktisch nicht denselben Beschränkungen unterliegt wie ein Baumarktregal.
Hinzu kommt ein handfester Such- und Sichtbarkeitsaspekt. Weihnachtsdekoration wird nicht ausschließlich im November nachgefragt. Veranstalter, Gastronomie, Fotostudios, Unternehmen und früh planende Privatkunden suchen teils Monate im Voraus. Für Händler ist es daher attraktiv, bei diesen Anfragen präsent zu sein. Auch die Logistik spielt mit hinein: Wenn Produkte verfügbar oder beschaffbar sind, gibt es wenig Anlass, sie saisonal aus dem Shop zu entfernen.
Ein weiterer Grund liegt im Wettbewerb um Suchmaschinenplätze. Produktseiten, die länger erreichbar sind, können früher indexiert und gefunden werden. Wer erst kurz vor dem Advent online startet, trifft auf Konkurrenz, die bereits sichtbar ist. Für Händler zählt damit nicht nur das aktuelle Kaufinteresse, sondern auch die frühe Auffindbarkeit bei Google und anderen Suchwegen. Weihnachten wird digital deshalb nicht mehr zwingend neu eröffnet, sondern vielfach gar nicht vollständig abgeschaltet.
Das Weihnachtsgefühl selbst folgt diesem Angebot jedoch nicht automatisch. Tausende Treffer im Juli schaffen noch keinen Advent, keine umgebauten Märkte und keine festliche Innenstadt. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Sortiment und Stimmung: Online kann Weihnachtsware dauerhaft erreichbar bleiben, während die eigentliche Saison im Handel und im Alltag später beginnt. Der kuriose Anblick von LED-Rentieren und Kunsttannen im Hochsommer ist somit vor allem ein Zeichen dafür, dass Saisongrenzen im Netz an Bedeutung verlieren.

Redakteur
Thomas Rehm ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Der erfahrene Fachjournalist schrieb zuvor viele Jahre für Titel der dfv Mediengruppe, darunter das Konsumgüter- und Verpackungsportal packaging-360.com, und begleitet heute die Themen Handel, Konsumgüter und Digitalisierung.
Alle Beiträge