EU-Pauschalzoll bremst Paketflut aus Fernost
Der seit Juli geltende EU-Pauschalzoll von drei Euro auf Kleinsendungen aus Drittstaaten zeigt in Österreich offenbar Wirkung: Das Paketvolumen aus Fernost ist seither um 25 Prozent gesunken, meldet Handelsverband.at. Die Maßnahme trifft damit einen Markt, der nach Angaben des Handelsverbands und der Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung (GAW) erhebliche volkswirtschaftliche Kosten verursacht.
Eine neue GAW-Analyse im Auftrag des Handelsverbands beziffert erstmals den jährlichen Schaden durch asiatische Billigplattformen wie Temu, AliExpress und Shein. Demnach verlagern Konsumentinnen und Konsumenten erhebliche Ausgaben ins Ausland. Für den österreichischen Handel bedeutet das einen Umsatzabfluss von knapp 570 Millionen Euro brutto sowie 171 Millionen Euro weniger Bruttowertschöpfung. Daraus ergibt sich laut Studie ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um rund 212 Millionen Euro.
Besonders deutlich wird die Belastung im Handel selbst: Dort liegt der direkte Wertschöpfungsverlust bei 58 Millionen Euro. Durch wirtschaftliche Verflechtungen sind jedoch auch weitere Branchen betroffen, darunter Produktion mit 22 Millionen Euro, Bauwirtschaft mit 11 Millionen Euro und Gastronomie mit 6 Millionen Euro. Insgesamt stehen nach den Berechnungen mehr als 1.600 Arbeitsplätze im Zusammenhang mit den Umsatzverlagerungen zu asiatischen Online-Plattformen. Handelsverbands-Geschäftsführer Rainer Will spricht von einer volkswirtschaftlichen Rechnung für vermeintlich billigen Konsum.
Die Analyse zeigt zugleich, dass der Schaden nicht nur große Unternehmen trifft. Einpersonen-Unternehmen verlieren 19 Millionen Euro an Bruttowertschöpfung, Kleinstbetriebe 35 Millionen Euro, Kleinbetriebe 38 Millionen Euro und Mittelbetriebe 32 Millionen Euro. Großbetriebe sind mit 47 Millionen Euro betroffen. Harald Gutschi, Geschäftsführer von OTTO Austria, HV-Vizepräsident und Leiter des HV-Fachforums „E-Commerce & Marktplätze“, sieht darin einen systematischen Standortnachteil für europäische Händler, die nach europäischen Regeln arbeiten, Löhne und Steuern zahlen sowie in Qualität, Lehrstellen und Produktsicherheit investieren.
Auch für die öffentlichen Haushalte sind die Folgen erheblich. Laut GAW entgehen Staat und Sozialversicherung knapp 100 Millionen Euro an Steuern und Abgaben. Zusätzlich sinken die Arbeitnehmerentgelte: allein im Handel um 35 Millionen Euro, über alle untersuchten Branchen hinweg um rund 90 Millionen Euro. Die Studie bezeichnet diese fiskalischen Effekte als konservative Schätzung, weil sie unterstellt, dass die Umsatzsteuer bei grenzüberschreitenden Bestellungen vollständig und korrekt abgeführt wird. Mögliche zusätzliche Ausfälle durch falsch oder zu niedrig deklarierte Warenwerte sind darin nicht berücksichtigt.
Der Rückgang des Paketvolumens seit Einführung des Pauschalzolls deutet darauf hin, dass regulatorische Eingriffe das Bestellverhalten spürbar verändern können. Für den Handelsverband ist die Entwicklung ein Hinweis darauf, dass der Wettbewerb mit außereuropäischen Billigplattformen nicht allein über Preise geführt wird, sondern auch über faire Rahmenbedingungen, Kontrolle und Rechtsdurchsetzung. Im Zentrum steht die Frage, wie Österreichs Handel, Beschäftigte und öffentliche Haushalte vor weiteren Wertschöpfungsverlusten geschützt werden können.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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