Großinsolvenzen bleiben trotz Konjunkturhoffnung auf hohem Niveau
Die Zahl der Großinsolvenzen in Deutschland zeigt bislang keine echte Entspannung. Zwar hellt sich die Stimmung in der Wirtschaft auf: Der Ifo-Konjunkturindex ist zuletzt überraschend gestiegen, die Wirtschaftsleistung wuchs mit 0,3 Prozent stärker als erwartet, und führende Konjunkturforscher rechnen Capital.de zufolge für das laufende Jahr mit einem Plus von rund einem Prozent oder etwas mehr. Doch die aktuellen Insolvenzdaten zeichnen ein deutlich vorsichtigeres Bild. Wie Haendlerbund.de berichtet, haben im zweiten Quartal 105 Unternehmen mit mehr als zehn Millionen Euro Umsatz Insolvenzantrag gestellt.
Damit liegt die Zahl nahezu auf dem Niveau des Vorquartals mit 104 Fällen, aber knapp zwölf Prozent über dem Vorjahreswert von 94 Verfahren. Besonders auffällig ist der Abstand zum längerfristigen Durchschnitt: Die aktuellen Zahlen liegen 40 Prozent über dem Fünfjahresschnitt von 75 Großinsolvenzen. Der sonst nach einem deutlichen Rückgang im ersten Quartal erwartbare Rebound blieb zwar aus, von einer stabilen Erholung kann nach Einschätzung des 5-nach-12-Insolvenzreports von FalkenSteg jedoch keine Rede sein.
Innerhalb der Insolvenzen verschiebt sich der Schwerpunkt zunehmend zu größeren Firmen. Auf Unternehmen mit zehn bis 19 Millionen Euro Umsatz entfielen mit 50 Fällen weiterhin knapp die Hälfte aller Anträge. Gleichzeitig stieg die Zahl der Verfahren bei Firmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz von sieben auf zwölf. Das deutet darauf hin, dass die wirtschaftlichen Belastungen nicht nur kleinere Marktteilnehmer treffen, sondern zunehmend auch größere Strukturen erfassen.
Jonas Eckhardt, Partner bei FalkenSteg und Autor der Studie, verweist auf den Widerspruch zwischen besseren Erwartungen und schwacher Realwirtschaft. Auch der viel beachtete Auftragssprung von 3,1 Prozent relativiere sich: Ohne Großaufträge ergebe sich ein Minus von 0,5 Prozent. Industrieverbände hätten deshalb vor einer Überinterpretation gewarnt; auch der VDMA habe einen vergleichbaren Anstieg im Frühjahr als Sondereffekt eingeordnet. Eckhardt spricht von einer Divergenz zwischen Erwartung und Realwirtschaft; ob die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung nachzieht, bleibe offen.
Gleichzeitig zeichnet der Report eine vorsichtig stabilisierende Perspektive: Die Insolvenzwelle nähert sich demnach offenbar ihrem Höhepunkt. Prof. Dr. Harro Heilmann von der Hochschule Aachen weist darauf hin, dass Insolvenzen als Spätindikator wirken. Große Krisen schlagen sich häufig erst mit zwei bis drei Jahren Verzögerung in den Verfahren nieder. In der aktuellen Entwicklung wirken demnach mehrere Belastungen nach: die Coronakrise, deren Effekte durch das zeitweise Aussetzen der Insolvenzantragspflicht verzögert wurden, der Ukrainekrieg sowie die Energiepreiskrise.
Die Daten zeigen damit eine Wirtschaft im Übergang: Stimmungsindikatoren und Wachstumsprognosen senden erste positive Signale, die Insolvenzzahlen bleiben jedoch angespannt. Für Unternehmen, Gläubiger und Märkte bleibt entscheidend, ob aus der verbesserten Erwartungslage belastbare wirtschaftliche Dynamik entsteht.

Redakteur
Thomas Rehm ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Der erfahrene Fachjournalist schrieb zuvor viele Jahre für Titel der dfv Mediengruppe, darunter das Konsumgüter- und Verpackungsportal packaging-360.com, und begleitet heute die Themen Handel, Konsumgüter und Digitalisierung.
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