Ein internes Schulungsdokument legt nahe, dass Amazon in den USA, Kanada und Großbritannien Gewerkschaftsaktivität per KI vorhersagt, berichtet Golem.de unter Berufung auf Opendemocracy. Das Papier stamme aus einem Rechtsstreit mit einer kanadischen Gewerkschaft. Das System stufe Standorte anhand von Stimmungsumfragen, Beschwerden, Fluktuation und Notizen von Vorgesetzten ein, von fünf (keine Aktivität) bis eins (Gewerkschaftswahl steht bevor). Bei Stufe eins rücke binnen 24 Stunden ein Einsatzteam der Personalabteilung an, das Unentschlossene und einflussreiche Mitarbeiter umwerbe. Amazon zufolge diene das System der Standortentwicklung.
Ein internes Schulungsdokument legt nahe, dass Amazon in den USA, Kanada und Großbritannien ein System nutzt, um mögliche Gewerkschaftsaktivitäten an Standorten frühzeitig einzuschätzen. Das berichtet Golem.de unter Berufung auf Opendemocracy. Die Unterlagen stammen demnach aus einem Rechtsstreit mit einer kanadischen Gewerkschaft und beschreiben das sogenannte Atlas Labor Score Model.
Das Modell soll auf KI basieren und betriebliche, demografische sowie externe Faktoren auswerten. Genannt werden unter anderem Stimmungs- und Feedbackdaten aus Umfragen, die Beschäftigte an ihren Arbeitsbildschirmen erhalten. Hinzu kommen Beschwerden, Fluktuationsdaten und Notizen von Führungskräften. Opendemocracy erwähnt zudem die Auswertung von Social-Media-Beiträgen. Ziel des Systems sei laut Dokument, das Risiko gewerkschaftlicher Aktivitäten für einzelne Verteilzentren zu prognostizieren.
Fünfstufiges Risikomodell für Standorte
Die gesammelten Daten werden laut den veröffentlichten Unterlagen in ein Punktesystem überführt. Es ordnet Standorte auf einer Skala von fünf bis eins ein. Stufe fünf bedeutet, dass keine gewerkschaftliche Aktivität erkennbar ist und kein Eingreifen erforderlich sein soll. Stufe eins weist dagegen darauf hin, dass eine gewerkschaftliche Vertretung oder eine Wahl unmittelbar bevorsteht. Damit würde das System aus internen Signalen eine operative Priorisierung für das Personal ableiten.
Besonders sensibel ist die im Dokument beschriebene Reaktion auf Stufe eins. In diesem Fall soll ein ER Rapid Response Team, wobei ER für Employee Relations steht, binnen 24 Stunden am betreffenden Standort eingesetzt werden. Das Team soll gemeinsam mit der Rechtsabteilung und weiteren Akteuren sogenannte Deeskalationsstrategien besprechen. Im Mittelpunkt steht laut Dokument, vor Ort Vertrauen zu gewinnen.
Fokus auf unentschlossene Beschäftigte
Die beschriebenen Maßnahmen zielen demnach besonders auf Beschäftigte, die noch unentschlossen sind. Auch einflussreiche Mitarbeiter sollen gezielt eingebunden werden, um das Vertrauen weiterer Teile der Belegschaft zu gewinnen. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wie weit datenbasierte Standortanalysen in Arbeitsbeziehungen reichen dürfen und welche Rolle interne Befragungen, Beschwerden und Vorgesetztennotizen dabei spielen.
Amazon weist den Vorwurf zurück, Atlas diene der Überwachung einzelner Mitarbeiter. Das Unternehmen erklärt, es handele sich um ein Werkzeug zur Standortentwicklung. Persönliche Meinungen der Beschäftigten oder Gewerkschaftsmitgliedschaften würden nicht überwacht. Offen bleibt, wie das System im Detail arbeitet und welche Daten in welchem Umfang in die Einstufung einfließen. Belegt ist nach den vorliegenden Angaben die beschriebene Reaktionslogik: Bei Stufe eins soll ein Employee-Relations-Team innerhalb von 24 Stunden aktiv werden.
