Wie Carrefour sich vor Amazon schützt

Wie Carrefour sich vor Amazon schützt

Der französische Lebensmittelhändler Carrefour wurde schon als möglicher Kandidat für eine Amazon-Übernahme in Europa gehandelt. Derzeit steht dort der neue Chef Alexandre Bompard aber erst einmal vor der Herausforderung, Europas größten Einzelhändler wieder profitabler zu machen. Eine Omnichannel-Offensive soll Carrefour bis zum Jahr 2022 auf Moderne trimmen. Das kostet.

SRSybille RoemerRedakteurin
7 Min.· Aktualisiert am
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Also kündigte „der Neue“ Einsparungen an, die dazu beitragen sollen, die Kosten des Handelsriesen bereits von 2020 an um jährlich rund 2 Milliarden Euro zu senken. Unter anderem will sich Carrefour in Frankreich von 273 verlustreichen Supermärkten trennen, die die Franzosen erst im Juni 2014 vom spanischen Soft-Discounter Dia erworben hatten.Vor allem aber soll das Onlinegeschäft den Traditionshändler retten. Während Bompard die jährlichen Investitionen um 400 Millionen auf 2 Milliarden Euro senkt, will er gleichzeitig den Etat für den Onlinebereich bis 2022 um das Sechsfache erhöhen. Der Lebensmittelhändler würde somit in dem Zeitraum jährlich 560 Millionen und insgesamt rund 2,8 Milliarden Euro in die Umsetzung seiner Digitalstrategie investieren.

Bislang digital eher zögerlich

Bisher hatte sich Carrefour digital eher vorsichtig bewegt und sich Online-Know-how über Beteiligungen und kleinere Zukäufe angeeignet. Beispielsweise kaufte Carrefour Anfang des Jahres vom schwächelnden Steinhoff-Konzern (Poco, Conforama) für 79 Millionen Euro einen Anteil von knapp 17 Prozent am Online-Shoppingclub Showroom Privé, der 2017 hinter seinen Erwartungen zurückblieb.

Mit dem Pure Player hat Carrefour eine strategische Zusammenarbeit für ein eigenes Omni-Channel-Angebot vereinbart und sich die Option gesichert, die Onlineplattform bis Mitte 2019 komplett zu übernehmen. Im vergangenen Jahr kaufte Carrefour zudem den Nonfood-Marktplatz Rue du Commerce und einer Reihe von kleineren Online-Spezialisten.Jetzt also will Carrefour eine digitale Offensive starten und ein „Omni-Channel-Universum für unsere Kunden“ schaffen, wie es Bompard bei der Vorstellung des „Transformationsplans 2022“ im Januar dieses Jahres formulierte. „Dies wird der Referenzkanal für unsere Kunden sein.“ Die Carrefour-Kunden müssten sich im selben Universum befinden, unabhängig davon, ob sie online oder in Geschäften einkaufen. „So bauen Sie Kundenbindung auf. Dafür müssen wir jedes einzelne Format stärken, aber vor allem auch in eine Omni-Channel-Strategie einbeziehen“, sagte der Carrefour-Chef.Die Hypermärkte werden demnach wie auch die Dienstleistungen von Carrefour, insbesondere Bankgeschäfte, fit für die Bedürfnisse des modernen Kunden gemacht, die Technik im Hintergrund für die dazu notwendigen Prozesse.

Mobile Payment-Lösung für die ganze Welt

Aktuell hat Carrefour eine proprietäre Mobile-Payment-Lösung verkündet, die bereits auf Android für Zahlungen, Treueprogramme und Rabatt-Coupons verfügbar ist. Sie kann demnach in 3.000 Carrefour-Geschäften in Frankreich und darüber hinaus bei allen Händlern auf der Welt verwendet werden, die kontaktloses Bezahlen akzeptieren.Darüber hinaus soll das Non-Food-Sortiment ausgeweitet und qualitativ verbessert werden und das Management in den Supermärkten dynamischer reagieren können. In den kommenden fünf Jahren will Carrefour auch 2.000 Convenience-Stores eröffnen, vor allem in großen Städten.

8 Minuten bis zum nächsten Carrefour in Frankreich

„Wenn wir alle unsere physischen Kontaktpunkte verstärkt haben, werden unsere 12.000 Geschäfte zu einem unanfechtbaren Punkt unseres Omni-Channel-Modells“, ist Bompard überzeugt. Da ein Kunde in Frankreich einen Carrefour-Laden statistisch gesehen in weniger als 8 Minuten von zu Hause entfernt finde, wolle Carrefour diese schnell erreichbaren Geschäfte für die digitale Strategie nutzen: „Es wird Orte geben, an denen Bestellungen vorbereitet und geliefert werden, aber es gibt auch Abholungsdienste und Orte, an denen Artikel zurückgegeben und erstattet werden können“, so der Carrefour-Chef. Ausmisten will der neue Chef auch: „Derzeit ist das digitale Angebot weder homogen noch zufriedenstellend. Wir haben 8 E-Commerce-Sites, die nicht miteinander verbunden sind, und 14 Anwendungen. Unsere Kunden finden sich nicht zurecht“, kritisiert Bompard. „Wir werden also die gesamte Website neu gestalten, so dass wir in jedem Land eine einzige Händler-Website haben.“In Frankreich werde Carrefour.fr beispielsweise bereits in diesem Jahr vereinfachten, einfachen Zugang zum gesamten Angebot sowohl in den Geschäften als auch online anbieten. Die Marke ooshop soll ganz verschwinden.

Partner Sapient soll es richten

Für die Digitalstrategie hat sich Carrefour Partner ins Boot geholt: Sapient, den Technologiepartner von Publicis, soll das E-Commerce-Geschäft weiterentwickeln. „Das ist ein neuer Ausdruck unseres neuen Ansatzes: Wir wollen die richtigen Partner für die richtigen Themen finden“, argumentiert Bompard.

Noch in diesem Jahr wird daher auch die Partnerschaft mit dem Lieferservice La Poste ausgebaut: „Um in ganz Frankreich zuverlässig und flächendeckend zu liefern, müssen wir bis 2018 in 10 neuen Städten - insgesamt 15 – eine Ein-Stunden-Lieferung sowie in 26 Städten eine Lieferung zum festgelegten Termin anbieten“, erläutert der Carrefour-Chef. „Die Partnerschaft mit der Post wird den Last-Mile-Lieferservice und die Servicequalität für unsere Kunden erheblich verbessern.“Auch Carrefour Drive hält er für einen unumstößlichen Service. „Aus diesem Grund werden wir 2018 in Frankreich 170 neue Drive-in-Schalter in Betrieb nehmen. Wir bauen jetzt ein automatisiertes System zur Vorbereitung von Aufträgen, mit dem wir unsere Produktivität und die Qualität der Dienstleistungen verbessern können.“ So früh wie möglich im Jahr 2019 sollen mehr als die Hälfte der Geschäfte von Carrefour Click and Collect-Punkte sein.„Home Delivery, Drive und Click and Collect, die an unser gesamtes Netzwerk angeschlossen sind, bieten uns eine einzigartige Kapazität, um unsere Kunden insbesondere in großen Städten zu bedienen“, argumentiert Bompard. „Diese Dienstleistungen werden es uns ermöglichen, ein ehrgeiziges Ziel zu erreichen, das bis zum Jahr 2022 zum Marktführer auf dem Lebensmittel-E-Commerce-Markt werden soll. Im Nahrungsmittel-E-Commerce erwarten wir einen Marktanteil von 5 Milliarden Euro und einen Marktanteil von mehr als 20 Prozent in Frankreich.“

Kochkisten und Blockchain

Kurz nach der Bekanntgabe des Innovationsplans ließ Bompard Taten Worten folgen. Mitte März übernahm Carrefour beispielsweise die Mehrheit an dem 2014 gegründeten Start-up Quitoque, das Kochkisten ausliefert. Zudem kündigte Carrefour an, die fälschungssichere Blockchain-Technologie, die Verbrauchern eine vollständige Produktrückverfolgbarkeit garantieren soll, bis Ende 2018 auf knapp 10 Produkte auszuweiten.

Auf die Zustimmung einiger Analysten trifft der neue Carrefour-Chef mit dem Umgestaltungsplan 2022 schon einmal. Die Deutsche Bank etwa hat kürzlich die Aktien des Handelsunternehmens nach dem Kursrutsch von „Verkaufen“ auf „Halten“ hochgestuft und das Kursziel von 15,00 auf 15,50 Euro angehoben. Die Kostensenkungsziele des Handelskonzerns seien zwar mit Vorsicht zu genießen, schreibt Analyst Maxime Mallet in der Studie Mitte März. Er sehe aber nach den Kursverlusten keine ausreichenden Kursrisiken für eine Verkaufsempfehlung.Die Investoren erwarten von den Plänen Bompards dem Vernehmen nach auch ein Rezept gegen den Onlinehändler Amazon, der seit September 2015 ein ständig wachsendes LEH-Angebot ausliefert. Nach der Verkündung eines Joint Ventures zwischen dem britischen Pure Player Ocado und dem französischen Carrefour-Rivalen Casino im November spekulierte die Investmentbank Natixis, dass Bompard durchaus eine Zusammenarbeit mit Amazon verkünden könnte.

Amazon als Heilsbringer?

So mancher Branchenbeobachter spekuliert sogar, dass sich Amazon im größeren Stil bei Carrefour einkaufen oder den laut Deloitte neuntgrößten Händler der Welt ganz übernehmen könnte. Im Juni vergangenen Jahres leistete sich Amazon schließlich schon die Bio-Supermarktkette Whole Foods in den USA für umgerechnet gut 11 Milliarden Euro.

Wenn da mal die Konkurrenz nicht schneller ist: Präsident Michel-Edouard Leclerc von dem französischen Erzrivalen E.Leclerc schließt zumindest eine Kooperation mit Amazon nämlich ausdrücklich nicht aus: „Die Amerikaner haben uns bereits angesprochen und könnten unser Logistikpartner werden“, sagte er in einem Interview.

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SR
Geschrieben vonSybille Roemer

Redakteurin

Sybille Roemer kennt als Redakteurin der afz – allgemeine fleischer zeitung die Herausforderungen der Digitalisierung in Metzgerei und Einzelhandel. Der Autorin der Fachbücher "Praxisführer E-Commerce" und "Erfolgsfaktor Online-Handel" und Dozentin an der Philipps-Universität Marburg ist wichtig, stets die Kundenperspektive im Blick zu haben: Digitalisierung sollte kein Selbstzweck sein, sondern Vorteile für alle Beteiligten bringen.

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