Kundenbedürfnisse in den Vordergrund rücken
Um heutzutage im „Kampf der Konzepte“ zu bestehen, müssen sich vor allem die aus dem traditionellen LEH stammenden Händler deutlich stärker mit dem Thema Letzte Meile auseinandersetzen. Und auch hier eine Differenzierungsmöglichkeit schaffen und dabei die Stärken ihrer bestehenden Strukturen um einiges prominenter zu einem Vorteil aus Kundensicht ummünzen.
Aus Händlersicht sind fünf Themenfelder relevant, die heute bei E-Food auf der Letzten Meile im Vordergrund stehen, um den Kunden in seiner Bedürfnissituation bestmöglich anzusprechen. Diese sind:
- Geschwindigkeit und Cut-off-Zeiten
- Convenience und Lieferzeitfenster
- Nachhaltigkeit
- Order-Tracking / Delivery-Journey
- Auswahl weiterer Optionen innerhalb der Customer-Journey
Es gibt nicht das eine Modell
Analysiert man gängige Modelle der Letzten Meile im Onlinelebensmittelhandel, lässt sich feststellen, dass es nicht das eine dominante Modell gibt. Und sich die Modelle in der letzten Dekade noch stärker fragmentiert haben; dies auch durch den fortschreitenden Bedeutungszuwachs von Omnichannel- und Noline-Commerce und einer Erweiterung der Touchpoints.
So wundert es auch nicht, dass gerade Händler, die einen ursprünglich stationären Fokus aufweisen, oftmals nicht ein Ausliefermodell in Reinform betreiben, sondern einen Mix verschiedenster Optionen anbieten („Mischformen“). Dies, um möglichst viele Bedürfnissituationen der Kundschaft zu adressieren und abzudecken.
In der praktischen Ausführung begegnet einem auf der Letzten Meile ein bunter Strauß an Möglichkeiten bei der Zustellung mit
- Kastenwagen/Kleintransportern,
- Elektroleichtfahrzeugen,
- Velokurieren und Lastenrädern,
- Rollern und Scootern,
- "Walking Deliverys",
- Crowdshipping,
- Lieferdrohnen,
- Lieferrobotern und selbstfahrenden Fahrzeugen, und auch
- Click&Collect-Schaltern, Drive-in-Konzepten oder Locker-Boxen, bei denen die Letzte Meile an die Kunden outgesourced wurde.
Nachhaltig und "grün"
In den vergangenen beiden Jahrzehnten hat der Onlinehandel weltweit stetig zugenommen und auch die breit akzeptierte Nutzung von Smartphones hat das Verbraucherverhalten nachhaltig verändert. Doch in Bevölkerung und Medien wird E-Commerce – wobei der Fokus hier primär nicht auf den Onlinelebensmittelhandel, sondern auf Non-Food gelegt wird – nicht nur als Zerstörer der Innenstädte angesehen, sondern steht auch vielerorts in der Kritik, nicht nachhaltig zu sein.
Im Fokus der Kritik stehen dabei die Themen Verpackungsmüll, Retourenquoten, viele Einzelbestellungen statt des vermeintlich effizienten Großeinkaufs am Wochenende sowie vor allem das Thema weite Strecken, auf denen die Bestellungen unterwegs sind. Diese Kritikpunkte konnten inzwischen durch etliche Studien sowohl für den E-Commerce generell also auch für E-Food widerlegt werden. Hinsichtlich der CO2-Bilanz ist E-Food deutlich nachhaltiger als der Individualeinkauf im System stationärer Supermarkt.
Wohin die Reise geht
Auch bei der Letzten Meile zeichnen sich Trends ab, um die Händler mittel- bis langfristig keinesfalls herumkommen können. Richtig erkannt und umgesetzt, bieten sich jedoch aus Händlersicht mannigfaltige Möglichkeiten, über eine klug und sauber aufgesetzte Last-Mile-Strategie eine deutliche Verbesserung der Unit-Economics sowie der eigenen EBIT-Rechnung zu erzielen. Und dabei, neben prozessualer Effizienz und Automatisierung, einen wichtigen Schritt zur Erreichung respektive Sicherung der eigenen Profitabilität im Gesamtsystem des Händlers sicherzustellen.
Die wichtigsten Trends mit Auswirkung auf die Letzte Meile sind:
- Liefergebühren und Zahlungsbereitschaft der Kunden dafür sinken mittelfristig weiter.
- Same-Day-Delivery und kurze Lieferzeitfenster werden ein Muss.
- Convenience für den Kunden: Lückenloses Tracking, Gamification, Convenience stehen bei den Kunden hoch im Kurs.
- Ausnutzen von Netzwerken und Spezialisten: Mittelfristig wird es nicht mehr vonnöten sein, die Letzte Meile unbedingt selbst zu machen.
- Noch mehr Nachhaltigkeit: Der Nachhaltigkeitsgedanke wird von Kunden noch stärker auf der Letzten Meile eingefordert werden.
- Autonome Zustellmethoden werden an Relevanz gewinnen.
Fazit
Gerade in den heutigen Zeiten von "Black Ocean" und Unsicherheit gilt: Der Fokus auf Effizienz, Digitalisierung und schlanke Prozesse, die nahtlos ineinanderübergreifen und so einen Zeit- und Kostenvorteil generieren, gehen auch an der Letzten Meile nicht vorüber. Händler wie spezialisierte Service-Provider müssen durch saubere Abläufe bei der Lieferung den Endkunden begeistern und so eine größere Loyalität schaffen.

etailment Experte
Prof. Dr. Matthias Schu lehrt und forscht an der Hochschule Luzern; im DACH-Raum gilt er als ausgewiesener Experte und Industry Advisor für Online-Lebensmittelhandel. Nach einem Handelsstudium promovierte er in der Schweiz zur E-Commerce-Internationalisierung. Leitende Positionen bei Praktiker und Coop gingen seinem Hochschulwechsel 2020 voraus. Er ist Herausgeber des Newsletters „E-Grocery Spotlight“, Mitglied der K5 Köpfe und des etailment Expertenrats. Seine Themenschwerpunkte umfassen E-Food, Q-Commerce, Restaurant Delivery, Fulfillment und Letzte Meile.
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