Einziger Händlervorteil der neuen EU-Verbraucherrechrichtlinie: Eine zusätzliche Drohgebärde einsetzen zu können
Ab Juni 2014 tritt die neue EU-Verbraucherrechterichtlinie (VRR) in Kraft, die es Online-Händlern erlaubt, die kostenlose Rücksendung zu verweigern. Zwei Drittel der befragten Shopbetreiber erwarten dadurch laut Trusted Shops sinkende Retouren, ein Drittel rechnet damit, dass sie gleich bleiben und unter ein Prozent geht von einer Zunahme aus.
Ob diese Möglichkeit die Retourequote einzudämmen jedoch überhaupt in der Breite zum Tragen kommen wird, bleibt fraglich: So berichtet die "Welt am Sonntag" in ihrer Ausgabe vom 26.01.2014, dass weder Amazon, noch Otto, noch Zalando bisher vorhaben, an ihren Rückversandbedingungen etwas zu ändern. Andere Branchen-Schwergewichte werden dieser Praxis folgen.
Die großen Online-Händler übernehmen also erwartungsgemäß weiterhin die Retourekosten und werden voraussichtlich ihrer bisherigen Praxis, Hochretournierer einfach rauszuschmeißen, weiterhin folgen.
Bleibt also als einziger Nutzen der neuen VRR, dass diese von Händlern künftig als zusätzliches Druckmittel eingesetzt werden kann. Als Drohgebärde: Vor einem "kalten" Rauswurf und einem Rauswurf "nach Ansage", ließe sich mit einer künftigen Kostenübernahme des Rückversands drohen. Als Erziehungsmaßnahme am Kunden. Was jedoch auch mit zusätzlichem Aufwand verbunden wäre, da bestehende CRM- und Fakturierungs-Systeme entsprechend angepasst werden müssten: Zusätzlich zur "Blacklist", gäbe es dann noch "Kunden mit Rückversand-Kostenübernahme".
Fazit: Zweifel an der Umfrage - Online-Umfragen zu Reizthemen? Da schmälern kathartische Effekte oft die Aussagekraft.
Mit einer spürbaren Entlastung zum Thema "Retourenrenditefalle" ist meiner Meinung durch die VRR folglich nicht zu rechen. Warum laut Trusted Shops-Umfrage zum einen dennoch ein Großteil der Händler hierdurch positive Effekte erwartet, beziehungsweise, warum derart viele Händler angeblich bereits jetzt schon mit "harter Hand" gegenüber ihren Kunden agieren?
Wo doch an anderer Stelle in Unternehmen Himmel und Hölle zur Steigerung von "Kundenbindung" und "Kundenbeziehung" in Bewegung gesetzt werden, setzt man im Rahmen der Retourepolitik einfach knallhart "kalt" einen Haken an den Kunden? Und nimmt in Kauf, dass diese Ex-Kunden, entsprechend verärgert, künftig negative Propaganda gegen das Unternehmen betreiben? Wo doch kein (gar keins) Lehrbuch ohne das Leitbild "Der unzufriedene Kunde als Chance" auskommt?
Das kann man nun kaum jemandem verübeln, in der Frage wie man letztlich der Retourerenditefalle entkommt, bringt das allerdings auch nicht weiter.
Abschließend: Der "kalte" Rauswurf von Hochretournierern ist als probates Mittel der Retourenrenditefalle zu entkommen ebenso anzuzweifeln, wie der Wirkungsgrad der neuen EU-VRR. Also alles wieder auf Anfang: Wie ist mit dieser unliebsamen Klientel umzugehen?
Weitere Infos finden Sie auch in unserem Dossier Retouren.
Bild oben: Stream of flying cardboard boxes above blue sky. Fast accuracy - shutterstock
Redakteur
Karsten Werner ist Logistiker, Projektmanager und Dozent für berufliche Weiterbildung. Er beobachtet seit 2000 die Entwicklungen im E-Commerce. Neben seiner Neugierde an Supply Chains und Best Practices im Onlinehandel, bildeten die Empfehlungssysteme im Web 2.0 später einen weiteren Interessensschwerpunkt. Derzeit liegt sein Themenfokus auf den Geschäftsmodellen und Strategien in den Märkten für digitale Güter. Er schreibt außerdem für Netzwertig.com und twittert unter @KarstenWerner.
Alle Beiträge