Zwei Marktzahlen, die nicht vergleichbar sind
Der deutsche Onlinehandel wächst wieder, langsam. Der bevh beziffert den E-Commerce-Warenumsatz für 2025 auf 83,1 Milliarden Euro brutto und damit ein Plus von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der HDE Online-Monitor 2026 kommt für dasselbe Jahr auf 92,3 Milliarden Euro netto und plus 3,9 Prozent. Der Onlineanteil am Einzelhandel im engeren Sinn lag demnach bei 13,5 Prozent.
Die beiden Werte lassen sich nicht gegeneinander rechnen. Der bevh erhebt per Verbraucherbefragung und weist brutto aus, der HDE-Monitor rechnet netto, retourenbereinigt und beschränkt auf Neuware, auch die Sortimentsabgrenzung unterscheidet sich. Wer beide Zahlen nebeneinanderstellt, sollte das kenntlich machen – in der Berichterstattung geschieht das selten.
Die Kennzahl, auf die es für die Logistik ankommt
Für die Frage, was Logistik leisten muss, ist eine andere Zahl aussagekräftiger. Die KEP-Studie 2026 des Bundesverbands Paket- und Expresslogistik (BPEX, vormals BIEK, veröffentlicht am 23. Juni 2026) weist für 2025 4,37 Milliarden Sendungen aus – ein Plus von 1,8 Prozent oder 80 Millionen Sendungen. Im Vorjahr waren es noch 115 Millionen zusätzliche Sendungen gewesen. Der Branchenumsatz stieg um 2,6 Prozent auf 28,4 Milliarden Euro.
Beim Erlös je Sendung wird es interessant. Nominal lag er 2025 bei 6,50 Euro und damit 59 Cent über dem Wert von 2015 (5,91 Euro) – ein Zuwachs von rund 10 Prozent in zehn Jahren. Der Verbraucherpreisindex stieg im selben Zeitraum von 94,5 auf 121,9 Punkte und damit um 29 Prozent (Destatis, Basis 2020 = 100). Preisbereinigt entspricht der Erlös von 2025 damit rund 5,04 Euro in Preisen von 2015 – gut 15 Prozent weniger als vor zehn Jahren (Berechnung der Redaktion).
Dazu passt der Kostenindex, den der Verband erstmals ausweist: Er liegt für 2025 bei 128,0 Punkten, der Umsatzindex bei 120,3 (Basis 2020 = 100). Als Treiber nennt BPEX Personalkosten, Kraftstoff, Energie, Maut sowie Mieten und Leasing.
Anmerkung der Redaktion: Die Studie selbst beziffert den preisbereinigten Erlös auf „lediglich 6,02 Euro (in Preisen von 2015)“ und schließt daraus, der nominale Zuwachs habe „die Preissteigerungen der letzten Jahre“ nicht ausgleichen können. Diese Schlussfolgerung trifft nach unserer Rechnung zu – die Zahl dahinter jedoch nicht: 6,02 Euro lägen über dem Wert von 5,91 Euro aus dem Jahr 2015, der Erlös wäre real also leicht gestiegen. Der Zahl liegt eine Preisbereinigung von nur rund 8 Prozent zugrunde, während der amtliche Verbraucherpreisindex 2015 bis 2025 um 29 Prozent zulegte. Wir rechnen daher mit dem Verbraucherpreisindex und weisen das aus.
Was sich in der Sendungsstruktur verschiebt
Die Zusammensetzung des Paketmarkts verändert sich seit Jahren in eine Richtung. Der B2C-Anteil am nationalen Paketmarkt liegt laut BPEX bei 73 Prozent, siebzehn Prozentpunkte über dem Wert von 2015. Der B2B-Anteil fiel im selben Zeitraum von 37 auf 20 Prozent.
Auf der Bestellseite passt das ins Bild. Onlineshopper bestellen laut HDE Online-Monitor 2026 im Schnitt 35,2 Mal im Jahr bei 53,20 Euro netto je Bestellung. Für Temu und Shein schätzt das IFH Köln den durchschnittlichen Bestellwert auf 34,15 Euro und rechnet die beiden Plattformen auf rund 460.000 Pakete am Tag hoch – eine Schätzung, deren Rechenweg das Institut offenlegt. Nach bevh-Angaben entfiel 2025 rund ein Drittel des gesamten E-Commerce-Warenwachstums auf asiatische Plattformen. Im ersten Quartal 2026 verlangsamte sich deren Wachstum allerdings von zuvor 33,9 auf 12,9 Prozent.
Im B2B verläuft die Entwicklung parallel. Der B2B-Marktmonitor 2025 des ECC Köln (veröffentlicht am 2. Oktober 2025, Datenstand 2024) beziffert den B2B-Internethandel von Großhandel und Herstellern auf 509 Milliarden Euro, ein Plus von 7 Prozent, ausdrücklich vor dem Hintergrund einer schwachen Konjunktur.
Spitzenlast: Faktor 1,85 an einem Tag
Wie stark die Kapazität schwanken muss, lässt sich an einer Zahl ablesen. DHL sortierte nach eigenen Angaben am 2. Dezember 2025 12,4 Millionen Sendungen an einem einzigen Tag. An einem Normaltag sind es demnach 6,7 Millionen. Das entspricht dem 1,85-Fachen (Berechnung der Redaktion). Für die Weihnachtsspitze nennt das Unternehmen knapp 13 Millionen Sendungen an Spitzentagen.
Die Spitze selbst hat sich verbreitert: Aus dem Black Friday sei „eine mehrwöchige Einkaufsphase geworden“, heißt es in der DHL-Mitteilung vom 2. Dezember 2025 – eine Einschätzung des Unternehmens, keine unabhängige Erhebung.
Retouren: teuer, aber schlecht vermessen
Zur Retourenmenge in Deutschland liegt keine aktuelle Primärerhebung vor. Björn Asdecker von der Universität Bamberg prognostizierte am 27. November 2025 gegenüber der dpa rund 550 Millionen Retourenpakete für das Jahr 2025 und damit einen Rekordwert. Fast jedes vierte Paket gehe ganz oder teilweise zurück. Eine Methodenangabe wurde dazu nicht veröffentlicht. Die Forschungsgruppe Retourenforschung hat ihr „Retourentacho“ zuletzt 2018/19 erhoben.
Belastbarer ist die Kostenseite. Die EHI-Studie „Versand-, Verpackungs- und Retourenmanagement im E-Commerce 2025" (Erhebung Sommer 2025, 124 befragte Onlinehändler aus der DACH-Region) beziffert die Kosten je retourniertem Artikel auf 5 bis 10 Euro, im Segment Wohnen und Einrichten auf 10 bis 20 Euro. Als größten Kostentreiber nennt die Studie die Prüfung und Qualitätskontrolle des zurückgeschickten Artikels – ein manueller Schritt, der sich der Automatisierung bislang weitgehend entzieht.
Auf der Nachfrageseite zeigt der HDE Online-Monitor 2026 eine Verhaltensänderung: 40 Prozent der Befragten meiden demnach Shops mit hohen Retourenkosten, 19 Prozent informieren sich vor dem Kauf intensiver – 2024 waren es noch 13 Prozent.
Drei Regulierungen, die 2026 wirksam wurden
PPWR. Die EU-Verpackungsverordnung (VO (EU) 2025/40) ist seit dem 12. August 2026 anwendbar. Unmittelbar gelten unter anderem die PFAS-Beschränkung für Lebensmittelkontaktverpackungen, Anforderungen an die Recyclingfähigkeit, die EU-Konformitätserklärung sowie die Pflicht, beim Versand in andere EU-Staaten dort einen Bevollmächtigten für die erweiterte Herstellerverantwortung zu benennen. Zwei häufig verwechselte Fristen: Die harmonisierten Kennzeichnungspflichten greifen erst ab August 2028. Und die vielzitierte 50-Prozent-Grenze für Leerraum in Versandverpackungen (Art. 24) gilt frühestens ab dem 1. Januar 2030.
Zoll. Seit dem 1. Juli 2026 gilt eine Übergangsregelung der EU-Zollreform, die der Rat der EU am 11. Februar 2026 endgültig beschlossen hat: Auf Kleinsendungen unter 150 Euro fällt ein Pauschalzoll von 3 Euro an – und zwar je Warenkategorie, nicht je Paket. Ein Paket mit Artikeln aus zwei Zolltarif-Unterpositionen wird also doppelt belastet. Die Regelung ist bis zum 1. Juli 2028 befristet. Die EU-Kommission beziffert das Volumen der Kleinsendungen in die EU auf 4,6 Milliarden Stück im Jahr 2024, davon 91 Prozent aus China.
Emissionen. Die Verordnung CountEmissionsEU (VO (EU) 2026/1030) ist seit dem 1. Juni 2026 in Kraft. Sie verpflichtet nicht zur Emissionsberechnung, schreibt aber allen, die Transportemissionen ausweisen, die Methodik nach EN ISO 14083 vor. Große Unternehmen müssen die Angaben von unabhängigen Stellen verifizieren lassen, KMU sind davon befreit.
Der Personalkostenblock – anders als die Branchenerzählung
Steigende Anforderungen werden gern mit Personalnot begründet. Die amtliche Datenlage stützt das nur eingeschränkt.
Die Bundesagentur für Arbeit weist in ihrer Fachkräfteengpassanalyse 2025 (veröffentlicht im Mai 2026) 157 Engpassberufe aus, den dritten Rückgang in Folge, und hält fest: „Derzeit gibt es keine Belege für einen allgemeinen Arbeitskräftemangel.“ Speditions- und Logistikkaufleute, 2024 noch als Engpassberuf geführt, stehen 2025 nicht mehr auf der Liste. Berufe in der Lagerwirtschaft auf Fachkraftebene tauchen dort ebenfalls nicht auf. Für Lagerhelfer lässt sich daraus allerdings nichts ableiten: Helferberufe sind laut Methodenteil der Analyse gar nicht Gegenstand einer Fachkräfteengpassanalyse. Im Berufskraftverkehr besteht dagegen weiterhin ein ausgewiesener Engpass.
Auf Helferniveau kamen nach Zahlen der Bundesagentur aus dem Bericht „Arbeits- und Fachkräftemangel trotz Arbeitslosigkeit“ (November 2025) rechnerisch 10,5 Arbeitslose auf eine gemeldete Stelle. Das ifo Institut meldete für Transport und Logistik im Februar 2026 einen Rückgang des von Unternehmen berichteten Fachkräftemangels von 42,7 auf 30,6 Prozent – den stärksten Rückgang aller Branchen.
Was tatsächlich steigt, ist der Preis der Arbeit. Der gesetzliche Mindestlohn stieg zum 1. Januar 2026 auf 13,90 Euro und steigt zum 1. Januar 2027 auf 14,60 Euro – gegenüber 12,82 Euro im Jahr 2025 ein Plus von 13,88 Prozent (Berechnung der Redaktion). Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind davon bis zu 4,8 Millionen Beschäftigungsverhältnisse betroffen.
Beim Nachwuchs zeigt sich ein gemischtes Bild. Die Zahl neuer Ausbildungsverträge zur Fachkraft für Lagerlogistik sank 2025 um knapp 5 Prozent auf 8.472 (BIBB-Erhebung zum 30. September 2025, Tabelle 67). Beim zweijährigen Beruf Fachlagerist stiegen die Neuabschlüsse dagegen um 4,9 Prozent auf 5.712. Auffällig ist die Abbruchneigung: Die Vertragslösungsquote lag bei der Fachkraft für Lagerlogistik im Berichtsjahr 2024 bei 30,6 Prozent und bei Fachlageristen bei 34,8 Prozent, gegenüber 29,7 Prozent über alle Ausbildungsberufe (BIBB-Datenbank DAZUBI, Stand 28. Oktober 2025). Das BIBB weist darauf hin, dass eine Vertragslösung keinen Ausbildungsabbruch bedeutet – ein Teil der Auszubildenden wechselt Betrieb oder Beruf.
Was das für Händler bedeutet
Die Daten legen nahe, dass die zentrale Größe für Logistikentscheidungen nicht der Umsatz ist, sondern die Auftragsstruktur: mehr Sendungen bei kleineren Warenkörben, ein wachsender B2C-Anteil und eine Spitzenlast, die das 1,85-Fache des Normaltags erreicht. Wo der Erlös je Sendung preisbereinigt um rund 15 Prozent unter dem Wert von 2015 liegt, während Mindestlohn und Regulierungsaufwand steigen, verschiebt sich die Rechnung nicht über den Preis, sondern über die Stückkosten je Auftragszeile.
Ob und ab wann Technik diese Rechnung löst, ist die Frage von Teil 2 und Teil 3 dieser Serie.

Redakteur
David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.
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