Fachexperte im Handel hebt sich durch Spezialisierung im KI-Zeitalter ab
© Black Forest Labs / Flux

Vom Generalisten zum Experten: Wie KI die Spielregeln im Handel neu schreibt

Künstliche Intelligenz verändert die Spielregeln im Handel, aber nicht da, wo viele es vermuten. Etailment-Expertin Marilyn Repp über Sichtbarkeit im Zeitalter der LLMs, das Ende des Generalisten und die Frage, warum KI vor allem eines ist: ein schonungsloser Spiegel.

Marilyn ReppMarilyn ReppRetail Technology
3 Min.· Aktualisiert am
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Alle paar Jahre steht der Handel vor einer neuen technologischen Welle. E-Commerce, Mobile, Plattformökonomie – und jetzt Künstliche Intelligenz. Doch wer glaubt, die größte Herausforderung liege in der Technologie selbst, greift zu kurz. Die eigentliche Herausforderung ist eine andere: Technologie zwingt Unternehmen gerade dazu, ihr eigenes Geschäftsmodell zu hinterfragen – und zwar radikaler als je zuvor.

Denn mit jeder neuen Technologie stellt sich dieselbe unbequeme Frage neu: Wofür stehen wir eigentlich – und was davon ist wirklich relevant für die Zukunft?

Künstliche Intelligenz wirkt aktuell wie ein Beschleuniger auf allen Ebenen. Sie verändert den Zugang zu Kund:innen, verschiebt Sichtbarkeit, automatisiert Prozesse und bringt neue Wettbewerber ins Spiel. Plattformen werden intelligenter, Produktempfehlungen präziser, Customer Journeys individueller. Doch genau hier liegt das Problem: KI belohnt Klarheit und bestraft Unschärfe.

Wer nicht eindeutig positioniert ist, wer keine sauberen Datenstrukturen hat oder kein klares Leistungsversprechen formulieren kann, wird es zunehmend schwer haben, sichtbar zu bleiben. Denn KI funktioniert nicht mit Bauchgefühl, sondern mit Struktur, Relevanz und Präzision.

Viele Unternehmen stellen sich aktuell operative Fragen wie: In welche Tools investieren wir? Welche Prozesse digitalisieren wir zuerst? Wie machen wir unsere Daten KI-fähig? Doch diese Fragen greifen zu kurz, wenn die strategische Grundlage fehlt. Denn jede technologische Entscheidung ist immer auch eine strategische Priorisierung des Geschäftsmodells.

Wer hier keine Klarheit hat, läuft Gefahr, in die falschen Systeme zu investieren, Prozesse zu digitalisieren, die keinen echten Mehrwert schaffen, oder Daten aufzubereiten, die strategisch irrelevant sind. Technologie verstärkt das, was da ist. Ist das Fundament unklar, wird diese Unklarheit skaliert.

Besonders deutlich zeigt sich diese Herausforderung aktuell im stationären Fachhandel. Mit KI-getriebenen Plattformen entsteht eine neue Form von Sichtbarkeit. Produkte werden präzise ausgespielt, Angebote personalisiert und Entscheidungen algorithmisch vorgefiltert. Gleichzeitig entsteht ein neues Nadelöhr: die LLMs.

Diese verändern die Spielregeln gerade fundamental. Die zentrale Frage lautet daher: Wie bleibt ein Händler in Zukunft überhaupt noch sichtbar und relevant?

Die Antwort liegt in einer deutlich stärkeren Spezialisierung. Die Zukunft gehört nicht den Generalisten, sondern denjenigen, die als echte Expert:innen wahrgenommen werden. Für den stationären Fachhandel bedeutet das eine klare Positionierung in einer Nische, der Aufbau tiefer und glaubwürdiger Expertise sowie sichtbare Autorität über mehrere Kanäle hinweg.

Diese Expertise muss aktiv aufgebaut und kommuniziert werden, etwa durch Kooperationen, durch Events, durch Inhalte, durch Community-Arbeit und durch konsistente Sichtbarkeit. Relevanz entsteht längst nicht mehr nur am Point of Sale, sondern im gesamten digitalen und physischen Ökosystem.

Ein oft unterschätzter Aspekt ist zudem, dass auch KI-Systeme „lernen“, wer relevant ist. Wer kontinuierlich als Expert:in sichtbar ist, Vertrauen aufbaut und dessen Kompetenz von außen bestätigt wird, hat eine deutlich höhere Chance, in Empfehlungen aufzutauchen, in Suchergebnissen priorisiert zu werden und in digitalen Entscheidungsprozessen berücksichtigt zu werden. Das gilt nicht nur für Plattformen, sondern auch für Social Media und andere Touchpoints.

Technologie ist am Ende nicht das Problem, sondern ein Spiegel. Sie zeigt schonungslos, wie klar ein Geschäftsmodell wirklich ist, wie relevant ein Angebot tatsächlich ist und wie anschlussfähig ein Unternehmen intern aufgestellt ist. Gerade KI verschärft diesen Effekt. Für Unternehmen und insbesondere für den stationären Fachhandel bedeutet das: Die wichtigste Investition ist nicht die nächste Technologie, sondern die Klarheit über die eigene Rolle in der Zukunft. Denn nur wer weiß, wofür er steht, kann entscheiden, welche Technologie wirklich sinnvoll ist.
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Marilyn Repp
Geschrieben vonMarilyn Repp

Retail Technology

Marilyn Repp leitet beim Handelsverband Deutschland das Mittelstand-Digital-Zentrum Handel, das Händler bei der Digitalisierung begleitet. In ihrem Podcast „Zukunft des Einkaufens“ interviewt sie die Führungsköpfe der Branche rund um aktuelle Trends. Als Autorin und Speakerin beschäftigt sie sich vor allem mit den Themen künstliche Intelligenz, Gamification, Metaverse, Web3, Blockchain und den Auswirkungen von Technologien auf die Zukunft des Handels.

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