Googles KI-Suche verändert die Rolle der Suchmaschine
Google baut KI-generierte Antworten in der Suche deutlich aus: Laut einer Analyse von Similarweb ist der Anteil der AI Overviews innerhalb eines Jahres von 15 Prozent auf 43 Prozent aller Suchen gestiegen. Damit verschiebt sich die Funktion der Suchmaschine spürbar. Google verweist nicht mehr nur auf externe Webseiten, sondern liefert Antworten zunehmend direkt auf der eigenen Plattform – gespeist aus Informationen indexierter Seiten.
Diese Entwicklung macht Google weniger zum Wegweiser durch das Web als zur direkten Zieladresse für Nutzerinnen und Nutzer. Klassische Trefferlisten mit blauen Links bleiben zwar sichtbar, verlieren aber an Bedeutung, wenn die zentrale Antwort bereits oberhalb der Suchergebnisse erscheint. Für Publisher entsteht dadurch ein strukturelles Problem: Ihre Inhalte können zwar als Grundlage oder Quelle dienen, die daraus generierten KI-Zitate führen jedoch deutlich seltener zu tatsächlichen Klicks auf die ursprünglichen Seiten.
Parallel wächst der dialogbasierte AI Mode, den Google im Mai 2025 eingeführt hat und der auf Gemini basiert. Die Besuche in diesem Modus stiegen zwischen Juni 2025 und Mai 2026 von 126 Millionen auf 279 Millionen. Anders als AI Overviews ist AI Mode als eigenständige, gesprächsartige Suche angelegt: Nutzer können mehrstufige Fragen stellen, Rückfragen erhalten und ihre Recherche wie in einem Chat fortsetzen. Beide Funktionen rücken zugleich näher zusammen, da sich aus einer AI Overview direkt in eine AI-Mode-Konversation wechseln lässt.
Die Daten deuten außerdem darauf hin, dass sich das Suchverhalten verändert. Suchanfragen werden länger und stärker konversationell formuliert. Statt kurzer Keywords nutzen Menschen zunehmend ganze Sätze, die besser zu KI-Systemen passen. Für Betreiber von Webseiten bedeutet das eine neue Abhängigkeit: Sichtbarkeit in KI-Antworten kann Reichweite schaffen, ersetzt aber nicht automatisch den Weiterleitungstraffic, der für viele Geschäftsmodelle zentral ist.
Als Reaktion auf diese Entwicklung stellt Cloudflare Werkzeuge bereit, mit denen Webseitenbetreiber KI-Crawler blockieren können. Der Zugriff auf Inhalte kann dabei an Zahlungen über einen Marktplatz gekoppelt werden. Damit entsteht ein Gegenmodell zur bisherigen Indexierungspraxis: Inhalteanbieter versuchen, die wirtschaftliche Nutzung ihrer Inhalte durch KI-Systeme stärker zu kontrollieren.
Auch bei ChatGPT zeigt sich die wachsende Bedeutung von Quellen und Verweisen. Zwar hat sich die Zahl der KI-Antworten mit Quellenangaben im vergangenen Jahr mehr als verfünffacht, dennoch enthielten bis Mai 2026 auf Desktop-Systemen in den USA nur 6,8 Prozent der ChatGPT-Anfragen Zitate. In Bereichen wie Reisen, Einzelhandel und Sport treten zitierte Antworten häufiger auf. Nach einem Suchupdate am 7. Mai 2026 verbesserten sich zudem die US-Desktop-Referrals: Der Anteil der Besuche, die auf externen Webseiten landeten, stieg von 25 Prozent im März 2026 auf knapp 60 Prozent bis zum 30. Mai 2026.
Die Entwicklung zeigt: KI-Antworten werden zum festen Bestandteil der Suche, verändern aber die Balance zwischen Plattformen, Quellen und Publishern. Entscheidend wird, ob Suchsysteme Quellen nicht nur auswerten, sondern so sichtbar machen, dass daraus weiterhin relevanter Traffic entsteht.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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