
Förderprogramme, Digiallotsen und die Hilfe von Google und Amazon
Die Innenstadt der Zukunft muss wie unsere Gesellschaft sein: analog und digital. Wie könnte es auch angesichts des individuellen Nutzerverhaltens anders sein? In vielen Kommunen wurde längst erkannt, dass digitale Aufbauhilfe im Gewerbe auch den Städten selbst zugute kommt. Viele Händler aber waren in Sachen Omnichannel bislang nicht auf der Höhe der Zeit und haben es versäumt, Angebote zu nutzen. Bis Corona kam. Jetzt gilt es, Hilfe anzunehmen.
Von der Antragsflut überrollt
„Digitalen und stationären Einzelhandel zusammendenken“ heißt das Sonderprogramm des Landes Nordrhein-Westfalen, das sich an Händler wendete, die bislang digital noch nicht aktiv waren. Zwischen Juni und September konnten Anträge für eine Projektförderung mit maximal 12.000 Euro gestellt werden. Gerechnet hatte man mit mehreren hundert Anträgen. Die Erwartungen an den Digitalisierungsgrad des Handels waren offenbar deutlich zu hoch: 2.200 Anträge seien eingegangen, berichtet Dr. Bernd Steingrobe, Leiter des Geschäftsfeldes Forschung und Gesellschaft NRW am Forschungszentrum Jülich. Steingrobe war überrascht: „Das ist unser 4. Anlauf, bislang war das immer übersichtlich“, wundert er sich über das plötzliche Interesse.In Jülich war man auf ein derartiges Massengeschäft nicht eingestellt und musste personell aufstocken. Auch das Budget der Fördergelder musste angepasst werden. Bis Ende Dezember sollen 1000 Projektanträge bearbeitet sein, der Rest werde dann im Q1/2021 folgen. Steingrobe kündigte an, verstärkt einen vorzeitigen Maßnahmenbeginn zu ermöglichen, der jedoch keine Vorwegnahme der Antragsbewilligung darstellen werde.Die Anträge beziehen sich überwiegend auf die Präsentation im Netz, die digitale Erfassung des Warenbestands, die digitale Optimierung interner Geschäftsprozesse wie beispielsweise der Verknüpfung von Buchhaltung und Warenmanagement, sowie das Aufsetzen von Social Media Accounts. Zu den Antragstellern gehören aber auch arrivierte Unternehmen, die beispielsweise die Gelegenheit nutzen, ihre Webshops durch Personalisierung aufzuwerten.
Digital jetzt – ist auch Glücksache
Auf Bundesebene gibt es das Programm "Digital Jetzt", das nicht rückzahlbare finanzielle Zuschüsse von bis zu 100.000 Euro für die Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen anbietet. Die Anträge wurden bislang in der Reihe ihres Eingangs bearbeitet und beschieden, wobei die Online-Fenster zur Antragstellung immer nur sehr kurz geöffnet waren, zuletzt am 2. November.Mit dieser dritten Antragsrunde sind die Fördermittel für das Jahr 2020 vollständig ausgeschöpft, teilt das Bundeswirtschaftsministerium mit. Insgesamt seien etwa 1000 Anträge im digitalen Förderportal zu "Digital Jetzt" eingereicht worden, von denen etwa 13 Prozent aus der Handelsbranche gekommen seien.Die ersten Anträge im Förderprogramm "Digital Jetzt" werden im November beschieden. Die Bearbeitungszeit variiert, sie beträgt in der Regel einige Wochen. Da Unternehmen erst mit dem Vorhaben beginnen können, nachdem Sie den Förderbescheid erhalten haben, bedeutet das für alle: warten. Wer bislang keinen Antrag stellen konnte, braucht dafür in Zukunft noch etwas mehr Glück: Am 1. Dezember 2020 wird die Registrierung wieder geöffnet und ist dann fortwährend offen. Bereits bestehende Registrierungen behalten ihre Gültigkeit. Die monatlich verfügbaren Kontingente werden ab Januar 2021 auf Basis eines Zufallsverfahrens verlost. Die ausgelosten Registrierungen können einen Antrag vorbereiten und einreichen. Das Förderprogramm, wird durch dieses Losverfahren zu einem "Digital irgendwann". Auf der anderen Seite stehen immerhin 203 Millionen Euro zur Verfügung und da es bis Ende 2023 laufen soll, kann man ja auch auf ein nötiges Update der eigenen Software in drei Jahren spekulieren.
In Bremen helfen Digitallotsen
Birgitta Schulze van Loon hatte Glück, sie konnte am 2. November einen Antrag auf Förderung stellen. Die Inhaberin von Piekfeine Brände, der einzigen Brennerei im Bundesland Bremen, will ihre bestehende Website und den Webshop den geänderten Erfordernissen (Stichwort: Mobile First) anpassen. Für die Antragstellung und Projektbeschreibung hat sie Unterstützung von der Wirtschaftsförderung der Stadt Bremen erhalten – in Form von Digitallotsen. Diese unterstützten sie bei der Antragstellung: "Sie haben sehr gezielt nachgefragt, wollten meine Abläufe verstehen und meinen Bedarf beurteilen. Dann haben sie Hinweise und Tipps gegeben. Sie haben auch auf die Kalkulation geschaut. Das war sehr hilfreich.“Obwohl Birgitta Schulze van Loon digital schon sehr weit ist, hatte sie vor Corona der technologischen Anpassung keine so große Bedeutung beigemessen. Damit ist sie nicht allein, wie die Wirtschaftsförderung Bremen weiß: Vielen Händlern habe erst Corona und der pandemiebedingte Lockdown bewusst gemacht, wie gravierend ihre digitalen Defizite sind.Mit den Digitallotsen versucht Bremen, die Händler durchs digitale Universum zu steuern. Ziel sei, Händlern die digitalen Möglichkeiten aufzuzeigen, damit diese ihr stationäres Geschäft nachhaltig stärken können. In Veranstaltungen und Einzelberatungen gehe es darum, analog und digital zu vereinen, neue Geschäftschancen aufzubauen und Geschäftsprozesse nachhaltig zu optimieren. „Häufig waren die Unternehmen in der Vergangenheit bereits in Teilbereichen aktiv und haben dadurch erste digitale Strukturen und Prozesse etabliert. Hier setzt der Digitallotse an, verschafft sich durch persönliche Gespräche ein Bild und unterstützt die Unternehmen als neutraler Ansprechpartner bei der Priorisierung und Evaluierung von angestrebten Digitalisierungsmaßnahmen“, erläutert Andrea Bischoff, Referentin Unternehmenskommunikation & Social Media bei der Wirtschaftsförderung. Die Erfahrung zeige, dass Inhaber häufig so sehr im Arbeitsalltag involviert und eingebunden seien, dass eine reflektierende und strukturierende Betrachtung der eigenen Firma nur selten im vollen Umfang gelingt. Hier gibt die Wirtschaftsförderung gemeinsam mit dem Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Bremen kostenfreie Hilfestellung in Form eines „Sparringpartners“.
HDE hat sich der Hilfe von Google und Amazon versichert
In diese Richtung dachte wohl auch der Handelsverband Deutschland HDE, als er mit dem frisch gebackenen HDE-Mitglied Amazon eine Kooperation einging. Die Plattform, die sich ja bislang ebensowenig als Händler verstand, wie Facebook als Publikation gesehen werden will, bietet gemeinsam mit dem Verband und weiteren Partnern Starthilfe für die Digitalisierung an. Zusammen mit dem HDE baut der Online-Händler ein kostenfreies Wissensportal zum Thema E-Commerce auf."Wir helfen kleinen und mittleren Händlern schnell und einfach zum passenden digitalen Standbein. Wo beginnen? Und welche Art von E-Commerce passt für welchen Händler? In unseren Onlinekursen vermitteln wir Ihnen Antworten auf Ihre Fragen", heißt es dazu auf der Website von Quickstart Online.Es geht um die Existenz von bis zu 50.000 Geschäften, es geht um die Innenstädte, betont der HDE. Und nimmt dabei, richtiger Weise, jede Hilfe an, die er bekommen kann. Google bietet im Rahmen des Programms Zukunft Handel ebenfalls Support wie beispielsweise einen digitalen Baukasten aus Instrumenten und Trainings für eine einfache, Schritt-für-Schritt Digitalisierung kleiner und mittelgroßer Handelsbetriebe an. Mit diesem sollen Unternehmen unter anderem in die Lage versetzt werden, in Zusammenarbeit mit Ionos 1&1 und Jimdo eine professionelle Unternehmenswebseite nebst Online-Shop zu erstellen. Das Programm wendet sich deutschlandweit an rund 250.000 Unternehmen. Von lokaler Unterstützung bis zur Hilfe aus den Weiten des digitalen Universums gibt es für Händler viele Möglichkeiten, digital aufzurüsten. Jetzt müssen sie nur noch im Alltagsgeschäft die richtigen Prioritäten setzen.
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Redakteur
1987 Beginn als freier Journalist für regionale Tagesszeitungen, ab 1994 Redakteur bei Horizont, der Fachzeitung für Marketing, Werbung und Medien im Deutschen Fachverlag, ab 1997 Pressereferent der Das Werk GmbH, Frankfurt am Main, später Pressesprecher der Das Werk AG. Ab Juli 2003 selbständig als PR-Berater, Autor und Redakteur tätig, immer wieder auch für Horizont. Von April 2012 bis August 2017 leitender Redakteur des von der dfv Association Services, Frankfurt am Main, herausgegebenen Magazins für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Rechtsabteilungen „unternehmensjurist“. Seit September 2017 wieder frei tätig, unter anderem für Packaging 360 Grad, Horizont und etailment.
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