Kartellstreit nach DMA-Strafe
Nach der jüngsten Milliardenstrafe gegen Google verschärft sich der juristische Druck auf den Suchmaschinenkonzern. Die EU hatte eine Sanktion in Höhe von 890 Millionen Euro verhängt; nun bereiten mehrere Wettbewerber in Europa offenbar Schadensersatzklagen vor. Im Raum stehen Forderungen von bis zu 10 Milliarden US-Dollar. Wie Haendlerbund.de unter Berufung auf Reuters meldet, verweisen Anwälte, Prozessfinanzierer und bereits eingereichte Verfahren in mehreren Ländern auf eine wachsende Klagewelle kleinerer Rivalen.
Auslöser ist die Strafe wegen Verstößen gegen den Digital Markets Act. Die möglichen Ansprüche könnten nach Einschätzung von Rechtsanwalt Thomas Höppner jedoch über den Zeitraum des DMA hinausreichen. Grundlage wären dann ältere europäische Regeln, die den Missbrauch marktbeherrschender Stellungen untersagen. Für Alphabet ist das besonders relevant, weil Konkurrenten nicht nur aktuelle Verstöße adressieren könnten, sondern auch frühere Marktpraktiken. Ein Beispiel liefert Idealo: Das Unternehmen erstritt vor dem Landgericht Berlin bereits 465 Millionen Euro Schadensersatz, weil Google seine Marktmacht missbraucht habe.
Die Belastung durch Wettbewerbsverfahren hat sich für Alphabet in den vergangenen Jahren erheblich summiert. 2017 verhängte die EU eine Strafe von 2,42 Milliarden Euro, weil Google den eigenen Shopping-Dienst bevorzugt haben soll. 2018 folgten 4,1 Milliarden Euro im Zusammenhang mit Android und dem Vorwurf, Wettbewerber blockiert zu haben. 2025 kamen 2,95 Milliarden Euro wegen wettbewerbswidriger Praktiken im Werbebereich hinzu. Zusammen mit der aktuellen DMA-Sanktion ergibt sich eine Gesamtsumme von 10,36 Milliarden Euro innerhalb von neun Jahren. Gegen die Strafe aus dem Jahr 2025 hat Google Berufung eingelegt; auch im aktuellen Fall wird ein solcher Schritt erwartet.
Google weist die möglichen Klagen entschieden zurück. Ein Sprecher erklärte laut Reuters, man lehne Verfahren ab, die von Unternehmen angestrengt würden, die auf eine Auszahlung aus seien, statt in eigene Produkte zu investieren. Ob diese Argumentation Wettbewerber von weiteren Schritten abhält, ist offen. Klar ist: Für Alphabet geht es nicht nur um die bereits verhängten Bußgelder, sondern um das Risiko zusätzlicher privatrechtlicher Forderungen in erheblicher Höhe.
Hinzu kommt eine angespannte Investitionsphase. Alphabet hat im zweiten Quartal erstmals seit dem Börsengang vor 22 Jahren einen negativen Cashflow ausgewiesen; genannt werden 5,9 Milliarden Dollar. Als Grund gelten hohe Ausgaben für Infrastruktur rund um KI. Allein im vergangenen Quartal investierte der Konzern laut Aktiencheck.de 44,9 Milliarden Dollar. Für 2026 erwartet die Konzernleitung Investitionen von 195 bis 205 Milliarden Dollar. Zugleich verfügt Alphabet über liquide Mittel von 242,5 Milliarden Dollar und damit weiterhin über finanziellen Spielraum, um den eingeschlagenen Kurs fortzusetzen. Die entscheidende Frage bleibt, wie stark zusätzliche Klagen diesen Spielraum belasten könnten.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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