Shein zieht sich in Vietnam deutlich zurück
Shein reduziert seinen Betrieb in Vietnam nur ein Jahr nach der Anmietung eines riesigen Logistikzentrums drastisch. Wie Reuters.com berichtet, bleibt von der ursprünglich 15 Hektar großen Fläche nur noch ein Drittel in Nutzung. Auch personell fällt der Einschnitt erheblich aus: Nach den vorliegenden Angaben wird lediglich jeder vierte Mitarbeiter nicht entlassen. Der Schritt markiert eine deutliche Korrektur eines Standorts, der offenbar als Alternative oder Ergänzung zur bestehenden Lieferstruktur gedacht war.
Der Rückzug zeigt, wie stark Sheins Modell von Zollregeln, Geschwindigkeit und Kosten abhängt. Vietnam verliert dem Bericht zufolge an Attraktivität, weil zwei zentrale Rahmenbedingungen den Standortvorteil schmälern: Zum einen endet in den USA die Zollbefreiung für Kleinsendungen, zum anderen belastet ein neuer Zwangsarbeits-Zoll die Kalkulation. Damit werden Sendungen, die bislang über günstige Regelungen profitierten, teurer oder administrativ schwieriger. Für ein Geschäftsmodell, das auf schnelle Reaktion, niedrige Preise und flexible Warenströme setzt, sind solche Änderungen besonders wirksam.
Besonders deutlich wird die Verschiebung an der Nutzung des vietnamesischen Standorts. Von 15 Hektar verbleibt nur ein Drittel im operativen Betrieb. Gleichzeitig schrumpft die Belegschaft massiv, wenn nur jeder vierte Beschäftigte weiterbeschäftigt wird. Die Zahlen unterstreichen, dass es sich nicht um eine kleinere Anpassung handelt, sondern um eine grundlegende Reduzierung der Präsenz. Für die Logistik des Unternehmens bedeutet das eine Rückbesinnung auf Strukturen, die bereits eingespielt sind und offenbar verlässlicher auf die aktuellen Marktbedingungen reagieren.
Viele Lieferanten sind laut Bericht längst in die südchinesischen „Shein-Dörfer“ zurückgekehrt. Dort entstehen Kleinstserien schneller und günstiger, was dem Kern des Shein-Systems entspricht: kleine Produktionsmengen, kurze Reaktionszeiten und eine enge Anbindung an bestehende Fertigungsnetzwerke. Der Fall macht sichtbar, dass niedrigere Standortkosten allein nicht ausreichen, wenn Zollvorteile wegfallen und die Liefergeschwindigkeit leidet. Entscheidend bleibt, wo Produktion, Versand und Anpassung an die Nachfrage am effizientesten zusammenspielen.
Für den internationalen E-Commerce ist der Vorgang ein Hinweis darauf, wie schnell sich Standortentscheidungen drehen können, wenn politische und regulatorische Bedingungen kippen. Sheins Vietnam-Experiment zeigt, dass globale Lieferketten zwar ausweichfähig sind, aber nicht beliebig verlagert werden können. Am Ende setzt sich offenbar wieder das Netzwerk durch, das dem Unternehmen die größte operative Nähe, die schnellsten Kleinstserien und die niedrigsten Prozesskosten bietet. Der drastische Rückbau in Vietnam ist damit weniger ein isolierter Standortwechsel als ein Signal für die Bedeutung eingespielter Produktionscluster im grenzüberschreitenden Modehandel.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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