Illegaler Artenhandel verlagert sich ins Netz
Der illegale Handel mit Wildtieren, Pflanzen und Pilzen über soziale Netzwerke und Online-Marktplätze hat nach einer neuen Übersichtsstudie ein globales Ausmaß erreicht. Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Helsinki beschreibt in der Fachzeitschrift Nature Reviews Biodiversity Tausende betroffene Tier-, Pflanzen- und Pilzarten, von denen viele als bedroht gelten. Darüber berichtet Berliner-Zeitung.de. Gehandelt werden demnach nicht nur bekannte Zielarten wie Affen, Vögel oder Schlangen, sondern auch Frösche, Orchideen und weitere Artengruppen.
Die Forschenden sehen in der digitalen Verlagerung des Wildtierhandels eine erhebliche Verschärfung bestehender Risiken. Studienleiter Enrico Di Minin verweist darauf, dass zahlreiche der illegal angebotenen Arten entweder stark gefährdet sind oder bislang gar nicht als Ziel des illegalen Handels wahrgenommen wurden. Als zentrale Ursachen nennen die Autoren ein geringes Entdeckungsrisiko, schwache Regulierung und die Anonymität der Plattformen. Dadurch können Angebote schnell verbreitet, verschleiert und über Grenzen hinweg koordiniert werden.
Wie sichtbar der Markt bereits ist, zeigt eine separate Untersuchung der Umweltstiftung WWF, der Tierschutzorganisation International Fund for Animal Welfare und des US-Zoo- und Aquarienverbands. In einer sechswöchigen Stichprobe Mitte 2025 wurden in den USA 1131 Posts erfasst, in denen 1614 Primaten auf Facebook, Instagram, TikTok und YouTube zum Verkauf angeboten wurden. Zu den Primaten zählen neben dem Menschen auch Affen und Halbaffen wie Lemuren, Loris und Koboldmakis. Die Zahlen verdeutlichen, dass soziale Netzwerke nicht nur Kommunikationsräume, sondern auch schwer kontrollierbare Handelsumgebungen geworden sind.
Nach Einschätzung des Ko-Autors Neil D'Cruze von der Manchester Metropolitan University ähneln die Folgen für Tierwohl und Artenvielfalt denen des klassischen illegalen Wildtierhandels. Allerdings verstärken Reichweite und Geschwindigkeit der Online-Plattformen den Schaden deutlich. Der Handel läuft über dezentrale, grenzüberschreitende Netzwerke und ergänzt oder ersetzt teilweise traditionelle Schmuggelrouten. Damit wird die Verfolgung schwieriger, während Anbieter und Käufer schneller zusammenfinden.
Die Studie weist zugleich auf erhebliche Wissenslücken hin. Der tatsächliche Umfang des digitalen Marktes ist bislang nur unzureichend bekannt. Nötig sei ein besseres Verständnis des Verbraucherverhaltens, um die Nachfrage wirksam einzudämmen. Ko-Autorin Annette Hübschle von der Universität Kapstadt fordert abgestimmte Strategien auf mehreren Ebenen: Der Artenschutz müsse gestärkt, regulatorische und technische Kapazitäten ausgebaut und lokale Gemeinschaften einbezogen werden.
Auch die Global Initiative Against Transnational Organized Crime dokumentiert seit April 2024 mit dem Projekt Eco-Solve den illegalen Online-Wildtierhandel. In ihrem sechsten Trendbericht vom Juli 2026 beschreibt die Organisation ein wachsendes und schwer nachverfolgbares Marktgeschehen. Ihr weltweites Beobachtungssystem soll über nationale Datenzentren systematisch Anzeigen zu geschützten Tieren, Pflanzenteilen und Folgeprodukten erfassen. Ziel ist eine bessere Datenbasis für Strafverfolgungsbehörden und politische Entscheidungsträger — ein entscheidender Schritt, um den digitalen Artenhandel wirksamer einzudämmen.

Redakteur
Thomas Rehm ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Der erfahrene Fachjournalist schrieb zuvor viele Jahre für Titel der dfv Mediengruppe, darunter das Konsumgüter- und Verpackungsportal packaging-360.com, und begleitet heute die Themen Handel, Konsumgüter und Digitalisierung.
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